Donnerstag, 23. April 2020

Kunst, Kultur, Korona-Krise

Wenn überhaupt eine Branche, ein Milieu sich als widerstandsfähig erwiesen hat, dann ist das in Deutschland die Kultur!


Unsere Kulturlandschaft ist einzigartig!
Kein anderes Land der Welt hat auf seine Bevölkerung bezogen so viele Orchester, Opernhäuser, Theater, Museen und Bibliotheken. Das alles stammt aus der Zeit, als Deutschland noch in Kleinstaaten zersplittert war. Dass diese Vielfalt über zwei Weltkriege hinweg gerettet wurde, ist nicht der Politik, sondern den Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, für die Kultur ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens ist. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir die Vielfalt und Qualität unserer Kulturlandschaft auch über diese Situation hinweg erhalten können.

Das 20igste Jahrhundert ist das für die deutsche Geschichte entscheidende Jahrhundert. Die Verwerfungen und Brüche haben sich darin wie unter einem Brennglas abgespielt. Die Künste sind Chronisten dieses Geschehens.

Der Buchstabe K - hier in Kanzleischrift.
Das K – hier in Kanzleischrift – ist der elfte Buchstabe im Alphabet,
ist ein harter Verschlusslaut, entspricht dem griechischen Kappa;
im Lateinischen dafür c (Ausnahme u. a.: Kalendae);
chemisches Zeichen für das Element Kalium.

Wie viel ist uns die Kultur wert? Das ist eine Frage für die ganze Gesellschaft – und vielleicht eher in schwierigen als in satten Zeiten, dann, wenn die Kultur konkurriert mit elementaren Bedürfnissen: Gesundheit, Unterkunft, Heizung, Nahrung. 


Ist auch die Kultur ein elementares Bedürfnis? Das ist eine spannende philosophische Betrachtung. Ich persönlich beantworte diese Frage eindeutig mit „Ja“.



Staatsministerin Monika Grütters.
Im Interview mit Jörg Häntzschel.
Ausriss aus Süddeutsche Zeitung.
Nr. 83 vom 8. April 2020.


Ende.

Montag, 20. April 2020

Kleidersellerbesuch im Museum

Ingo Beck, Mitglied des historischen Kreises der „Kleiderseller" und Frau Heidrun Ehninger zu Gast im Raabe Museum.


1859 lud der Historiker Dr. Carl Schiller eine Gruppe engagierter Braunschweiger Bürger in die Gaststätte zum „Gieseler“ ein. Der Grund: In Braunschweig sollte ein geschichtliches Museum entstehen. Deshalb rief Schiller einen Sammlerverein ins Leben, um im gesamten Herzogtum möglichst viele historische Gegenstände zusammenzutragen. 
In jener Zeit hießen die Altwarenhändler allgemein „Kleiderseller“. Um sich von diesen – damals etwas anrüchigen – Berufszweig abzuheben, nannte sich die honorige Bürgerrunde nun „Ehrliche Kleiderseller“. 
Das Museum wurde am 1. Mai 1865 in Neustadtrathaus eröffnet und zog später als das Städtische Museum in das Gebäude am Löwenwall um. 
Ja, was hat nun Raabe mit den Kleidersellern zu tun?
Raabe der 1870 zu dieser Runde gestoßen war blieb vier Jahrzehnte ein Mittelpunkt der Kleiderseller, die sich regelmäßig im „Grünen Jäger“ und später im „Großen Weghaus“ in Stöckheim trafen.

Bemerkenswert ist, dass die Kleidersellertradition nach Raabes Tod 1910 sogar über die beiden Weltkriege hinweg nie ganz abriss. Von den 20er- bis in die 40er Jahre bewahrten der Historiker Prof. Dr. Ernst-August Roloff und der Schriftsteller Robert Jordan die Kleiderseller vor dem Vergessen. Heute halten Ingo Beck und Kurt  Hoffmann die Runde zusammen. 
Da dieser Stammtisch immer noch besteht, dürfte er einer der ältesten in Deutschland sein. 
Kleiderspende mit einem echten Kleiderseller.
Ingo Beck, Ingrid Reuther, Heidrun Ehninger.

Begleitet wurde Raabefreund Ingo Beck von Heidrun Ehninger, die dem Raabe Museum Kleidungsstücke aus dem Nachlass von Wilhelm Raabe übergab.


Von Ingrid Reuther.
April 2020.

Ende.


Donnerstag, 9. April 2020

Bücher lesen - eine gute Idee?

Lesen ist immer eine gute Idee, nicht nur in Zeiten der Isolation.

Auch wenn im Vergleich zu früheren Jahren nicht mehr so viele Menschen lesen und heute eben durch anderes abgelenkt sind, Lesen macht kreativer, hilft gegen Einsamkeit und ermöglicht eine günstigere Lebenserwartungshaltung.

Und bei den Buchhändlern?
Der Umsatz der Buchbranche liegt bei 9 Milliarden Euro per anno. Dabei sind die Löwenanteile: schöngeistige, nicht wissenschaftliche Literatur mit rund 30 %, Kinder und Jugendbücher mit 15 %, Ratgeber mit 10 %.
Hauptverdiener und außerordentlicher Ausreißer unter den Schriftstellern 2019 war Joanne K. Rowling mit 92 Millionen Dollar. 

Der Leser aber – was zu beweisen ist – gewinnt immer durch nicht geldliche Dinge. Worte entfachen eine Kraft, dringen durch Augen und Ohren, arbeiten sich vor zur Seele – dort ist der eigentliche Nutzen.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil - mit Eule.
Einstieg ins Lesen mit den Grundlagen! ML 2020.
Ende.


Sonntag, 29. März 2020

Zensur 2020 Corona

Freiheitsrechte

Das Ordnungsamt Leipzig hat am Montag verfügt, dass die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig schließen musste. Mehr als siebentausend Titel an nationalen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften konnten in der Buchhandlung, welche die größte ihrer Art in Deutschland sein dürfte, nicht mehr verkauft werden. Sie wurde geschlossen, ob wohl der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften auch in der Corona-Krise weiterhin erlaubt ist. Vierundzwanzig Stunden später zog das Ordnungsamt das Verbot teilweise zurück. Nun dürfen Pressetitel verkauft werden, Bücher aber nicht. So hat das Leipziger Ordnungsamt gerade noch einmal halbwegs die Kurve gekriegt. 
Für vierundzwanzig Stunden aber hatte es die Pressefreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz ausgesetzt. 
Denn zu dieser zählt auch, dass man Presseerzeugnisse kaufen kann. Aus gutem Grund: Die „Grundversorgung“ mit unabhängiger Information ist für die Demokratie konstitutiv. Sie wird nicht nur auf elektronischen und digitalen Wegen geleistet und nicht nur vom öffentlich—rechtlichen Rundfunk. Sie entsteht aus der Vielfalt der Darstellungsweisen und Meinungen, und diese wiederum fußt auf der Gesamtheit der Medien in diesem Land. Die zeitweilige Schließung der Buchhandlung Ludwig ist ein fatales Signal. Sie wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die sich gerade in rasender Geschwindigkeit in vielen Lebensbereichen vollzieht und für die Politik neben der alles überformenden Gesundheitsvorsorge eine vorrangige Aufgabe darstellt: Freiheitsrechte werden ohne großes Federlesen suspendiert. 

Zahllose Existenzen, die darauf gründen, Leistungen den Menschen im freien Wettbewerb und selbständig anzubieten, auch solche, die man heute „systemkritisch“ nennt, kommen unter die Räder. Wer sich außerhalb gesicherter Pfade bewegt und nicht vom Staat und nicht von öffentlichem Geld bezahlt wird, ist draußen. Es droht eine „Bereinigung“ fundamentalen Ausmaßes, die nicht nur „Märkte“ betrifft, sondern die Koordinaten der freiheitlichen Grundordnung unserer Gesellschaft. Gestärkt werden transnationale Megakonzerne, die noch nie ausreichend Steuern bezahlt haben und erst in Ansätzen den Anforderungen genügen, die in unserem Rechtsstaat alle anderen zu erfüllen haben. Gestärkt werden aber auch all jene, die ihr Geld nicht selbst verdienen müssen. Die Politik steht vor der großen Aufgabe der Umverteilung. Sie muss die von der Corona—Pandemie ausgelösten Einschränkungen der Lebenschancen vieler Menschen erkennen und ihnen entgegentreten. Bessergestellte auf dem Sonnendeck mögen das Homeoffice für willkommene Abwechslung halten, für viele Menschen geht es um die nackte Existenz. Es wird nicht nur nichts mehr sein, wie es war, es hat sich schon alles verändert. … -

Kommentar von Michael Hanfeld.
Ausriss aus der F.A.Z. vom 25. März 2020.

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„Vielleicht denken wir, wenn alles vorbei ist, auch anders über die Umwelt und die Klimakrise. Die wollen wir ja auch nicht wirklich wahrhaben. So wie anfangs Corona.“
Sabrina Ambrogetti. Bernareggio.
Die Zeit 19. März 2020.
Ende.

Freitag, 27. März 2020

Nur Originales ist Wahres!

Rund 190 Jahre jung - Neuzugänge im Raabe Geburtshaus.


Aus Anlass einer großzügigen Leihgabe besuchten Heidrun Ehninger und Ingo Beck (Angehöriger des historischen Kreises der Kleiderseller) das Raabe Museum. Die Familie Friedrich Ehninger vertreten durch Heidrun Ehninger übergab folgende Kleidungsstücke aus dem Nachlass von Wilhelm Raabe als Dauerleihgabe dem Museum:

  • zwei Samtwesten von Gustav Raabe, Wilhelm Raabes Vater, 
  • das Taufhäubchen von Wilhelm Raabe, 
  • drei Kindermützchen von Wilhelm Raabe und 
  • das Brautgeschenk von Auguste Jeep an ihren Verlobten Gustav Raabe. 

Sie tun dies in dem Wissen, dass diese Objekte im Museum Raabe-Haus in bester Obhut sind.

Museumsleiterin Ingrid Reuther zeigte sich sehr erfreut über diese musealen Neuzugänge aus den Händen der Familie Ehninger, bedeutet es doch, diese Gegenstände zeigen zu dürfen eine wirkliche Bereicherung und macht so das Museum ein Stück attraktiver.


Ende.

Freitag, 20. März 2020

Kleinod: die Raabebühne.

35 Jahre Raabebühne.

2020 feiert die Eschershäuser Raabebühne ihr 35-jähriges Gründungsjubiläum. Anlass genug, diesen langen Zeitraum bürgerschaftlichen Engagement zur Bereicherung der Kulturlandschaft weit über die Grenzen der Stadt Eschershausen hinaus zu würdigen.

Alles begann 1984 – die Initiative, eine Theatergruppe zu gründen, ging von Ingrid Reuther aus. An interessierten Mitspielerinnen und Mitspielern mangelte es nicht, mit viel Ehrgeiz und Idealismus ging die Gruppe an die Realisierung ihres ersten Theaterprojekts heran. Die erste Aufführung des Stückes „Die fröhlichen Geister“ im Jahr 1986 war ein Riesenerfolg, mit dem trotz harter Arbeit im Vorfeld niemand so rechnen mochte. Über viele Jahre konnte die damalige Laiengruppe des MTSV Eschershausen mit einem Repertoire von Bauernschwänken, Volksstücken, Krimis, Boulevardkomödien und auch durchaus anspruchsvollen Musicals schöne Erfolge verbuchen. Einige Zeit nach der Herauslösung der Gruppe aus dem Verbund des MTSV folgten die ersten Inszenierungen aus den Werken von Wilhelm Raabe und die Umbenennung der Gruppe in „Raabebühne Eschershausen“.

Die „Wackerhahnsche“ bildete mit einer sehr erfolgreichen Adaption als Bühnenstück und ihrer Inszenierung im Sommer 2005 den Auftakt, es folgten anlässlich des 175. Geburtstags Wilhelm Raabes „Die Gänse von Bützow“ 2006, sowie „Abu Telfan“ im Frühjahr 2008, die den Ruf der Raabebühne als kulturell ernst zu nehmende Gruppe festigte.
35 Jahre Raabebühne Gruppenbild
Klein, aber langlebig.
Nicht zu vergessen die alljährlich traditionellen und liebevoll inszenierten Märchen zu Weihnachten, mit denen die Raabebühne weit über die Grenzen Eschershausen hinweg ein Markenzeichen gesetzt hatte. 35 Jahre Amateurtheater in Eschershausen, das bedeutet auch 35 Jahre ein Publikum, das den Laienspielern die Treue hält.

=> Die Proben zur Jubiläumsaufführung „Honig im Kopf“ gehen jetzt in die heiße Phase. Kartenverkauf zur Aufführung ist bei Kurt Seitz, Telefon 05534 2676.

Textausriss und Bild aus dem Täglichen Anzeiger Holzminden.
Ende.

Donnerstag, 12. März 2020

Lesewinter 2019 mit Winterbienen

Geht es Ihnen auch so?

Kaum ist der Winter vorbei und die Strecke der gelesenen Bücher ist doch ausnehmend ausreichend, da kommen schon die ersten, verfrühten Gedanken an den Lesesommer.

Falls Sie also im Herbst 2019 versäumt haben, sich mit dem Raabepreisträger Norbert Scheuer vertraut zu machen, so kommt hier die Empfehlung:

Winterbienen“ - eine Antikriegsgeschichte mitten aus dem Leben.


Die Geschichte beginnt ganz harmlos mit dem Satz:
„Ich wohne in einem Bergarbeiterstädtchen, das an einem Fluss liegt, der sich durch einsame, zerklüftete Landschaften schlängelt, eine Gegend mit kleinen Dörfern inmitten von Magerwiesen, Fichten-, Kiefern- und Buchenwäldern, die sich bis zur belgischen Grenze erstrecken...“
So leichtgewichtig der Beginn, so honigsüß der Plauderton, so fesselnd sind die kleinen Happen, die uns Norbert Scheuer als Augenfutter hinlegt. Unbedingt lesen – egal zu welcher Jahreszeit!
Buchrücken der Winterbienen, C.H.Beck Verlag.
Buchrücken der Winterbienen.
Verlag C .H. Beck. Rund 300 Seiten. 978 3 406 73963 7


"Das, was ich notiere, ist nur eine Projektion meines Lebens, es ist weniger und doch gleichzeitig mehr, als ich selbst bin, wie auch die gesprochene Sprache immer mehr ist als ihre schriftliche Wiedergabe, die aber auf der anderen Seite doch vielleicht eine tiefere Wirklichkeit aufzeigt, ebenso wie eine Landkarte niemals die tatsächliche Landschaft selbst darzustellen vermag."

Norbert Scheuer‚ geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane «Die Sprache der Vögel» (2015), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und «Am Grund des Universums» (2017). Sein Roman «Überm Rauschen» (2009) stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 «Buch für die Stadt Köln».

«Es ist ein Buch voller leichter Sätze, in denen doch das gesamte Gewicht des Lebens enthalten ist: die Hoffnung, die Angst, die Lust.» Oliver Creutz, Stern

«Die Bücher von Norbert Scheuer habe ich in den letzten Jahren mit am liebsten gelesen. Seine leisen und wuchtigen Bücher, seine verrätselten und traumklaren. Wenn Sie sie verpasst haben, dann holen Sie es nach!» Frank Meyer, Deutschlandfunk Kultur Lesart


Wer mehr HÖREN will:

Ende.

Donnerstag, 5. März 2020

Raabe und die Depression


Melancholie und Depression


Wilhelm Raabe betonte selbst, das eine Biografie über ihn gänzlich unnötig sei, da sein ganzes Leben in seinen Büchern zu finden wäre.
Untersucht man seine Texte in Bezug auf seine Lebensphasen, so ist das wohl zutreffend – siehe auch Werner Fuld: Eine Biografie, Carl Hanser Verlag, 1993, 382 Seiten.

An der Schwelle zur Ewigkeit.
 Vincent van Gogh. 1890.
Wie jeder Mensch hatte auch Raabe mit seelischen Höhen und Tiefen zu tun und konnte im bereits 1861 erschienenen Roman „Nach dem großen Kriege“ (Seite 128) den Deprimierten und den in Ihrer Trauerkuhle Gefangenen einen Rat geben, welchen er sicher auch selbst erfahren hat:

"… muss ich Dich aufrütteln zum Leben in der Wirklichkeit? Solch eine finstere, grimmige, passive Versunkenheit, wie sie Dich ergriffen hat, ist auch nutzlose Träumerei und vielleicht die schädlichste. WACH AUF, SeverusWenn der Mut, das Vertrauen, die Hoffnung nicht zu Dir in Deinen dunkeln Winkel kommen wollen, so gehe aus auf die Landstraßen, sie zu suchen. Wir finden sie nicht alle auf dieselbe Weise; aber wir alle können sie finden.“

Im Text finden sich weitere Ermunterungen, Mahnungen und handfeste Empfehlungen.

Auch beim Namen des Angeschriebenen (nicht nur dem des Schreibenden) zeigt sich die berühmte Raabesche Subtilität für Personennamen:
Sever(us) - Lateinisch für ernst, hart, gewissenhaft; in anderen Wortkombinationen auch streng, grausam, schrecklich.

Ende.

Freitag, 14. Februar 2020

Von jedem Buch auf dieser Welt ein Exemplar


Der Büchersammler zwischen Wissensdurst und Buchmeterhunger.


Wahn, Eitelkeit, Halbbildung. Der Vorwurf an den Büchernarren ist einfach: Er hat Unmengen an Büchern, aber er liest sie nicht und versteht sie nicht. Wer Bücher sammelt, wehrt sich auch 500 Jahre später gegen dieselben Vorurteile und Vorwürfe.

Haben Sie die alle gelesen?“

Es ist die häufigste Frage, wenn Besucher meiner Bibliothek die Regale bestaunen, in denen die Bücher in der Regel zwei-, im besten Fall dreireihig stehen. Natürlich habe ich von den 35.000 Büchern nicht alle gelesen — aber wie vertreibt man die Kälte, die sich kurz über das Gespräch gelegt hat, weil der Fragende meist just selbst bemerkt hat, wie — mit Verlaub — tumb seine Frage war. In den ersten Jahren antwortete ich noch mit „Die meisten zweimal“‚ und das Eis war gebrochen. Als sich aber einmal ein Gast anschickte, mir diese dreiste Flunkerei zu glauben, gab ich auf. Jetzt antworte ich im Brustton der Überzeugung: „Ich habe sie alle geschrieben.“

Bildungsbürgerlich verankert

Die Frage kenne nicht nur ich; jeder Büchersammler muss Ähnliches beantworten. Wer beruflich mit Büchern zu tun hat, trägt ein größeres Risiko, auch privat dem Buch zu verfallen. Lektoren und andere Mitarbeiterinnen in den Verlagen, Buchhändlerinnen und Bibliothekare. Lehrkräfte an Schulen und Hochschulen, vielleicht Politiker und Journalisten. Es ist mit Ausnahmen schon eine recht bildungsbürgerliche Gesellschaft, die ihre Freizeit damit verbringt, Bücher aufzuspüren und der eigenen Bibliothek einzuverleiben; nicht ohne vorher die Neuzugänge angesehen und zugeordnet zu haben. Die meisten würden von sich nicht als Büchersammler sprechen aus Angst, es könne tatsächlich jemand glauben, sie interessierten sich nur für den Gegenstand und nicht für den Inhalt. „Bibliophil“ – „Bücher liebend“ – klingt da großzügiger und gelehrter. Bücherehre klingt noch respektvoller.
Buchaffin kann man sein, eine Nähe zum Buch verspürend, sich zu Büchern und Bibliotheken hingezogen fühlen, das passt auch noch. Büchersammler nennt man sich erst, wenn man das als Arbeit am kulturellen Gedächtnis, an der Förderung von Meinungsfreiheit und Pluralismus oder mit sonst einem überzeugenden gesellschaftspolitischem Vorhaben verklären kann.
Man könnte auch pathologisch an die Leidenschaft des Büchersammelns herangehen und von Bibliomanie sprechen. Der Bibliomane nimmt alle Bücher mit, derer er habhaft werden kann, ohne sich finanziell zu ruinieren (und manchmal auch das). Es ist – zumindest beim Großteil der Büchersammler – nicht sinnentleertes Aneinanderstellen von Publikationen, um bald einen weiteren Regalmeter mit Büchern gefüllt zu haben. Der Sammler ist in der Lage, auch entfernteste Themengebiete interessant zu finden. Einer der ersten berühmten Bibliomanen ist der Engländer Sir Thomas Phillipps (1792—1872). Er bezeichnete sich selbst als biblioman und konnte im Laufe seines Lebens 60.000 Manuskripte zusammentragen.

Braunschweigs gesammelte Bücher
Es lässt sich nicht übers Büchersammeln schreiben, ohne Braunschweig gleich mehrfach
Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel in seiner Bibliothek, Braunschweig, Leonhardtstraße.
Gerd Biegel et alii.
einen Besuch abzustatten. Mit Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel regierte das Herzogtum einer der eifrigsten und begeisterten Büchersammler, den die deutsche Regentengeschichte kennt. Seine Büchersammlung bildet den Grundstock für die Herzog-August-Bibliothek, die im ln- und Ausland als eine der ältesten unversehrt erhaltenen Bibliotheken der Welt angesehen ist. Gottfried Wilhelm Leibniz hat diese Bibliothek von 1691—1716 geleitet, im gleichen Amt finden wir von 1770—1781 Gotthold Ephraim Lessing.
Der Blick braucht gar nicht weit zurückzugehen. Eine Kulturgeschichte des Büchersammelns der letzten 50 Jahre in Deutschland würde ohne zwei Namen nicht auskommen, die mit Stadt und Land Braunschweig eng verbunden sind. Und dabei stehen Paul Raabe (1927—2013) und Gerd Biegel, will man sie zwischen Bücherehre und Bibliomanie verorten, denkbar weit voneinander entfernt. Hier der Direktor der Herzog-August-Bibliothek, „als leidenschaftlicher Bibliothekar, anerkannter Forscher und Publizist sowie als erfolgreicher Kulturmanager“ mit der Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften für das Lebenswerk ausgezeichnet, der die Bücher schätzte und ehrte. Verfallen war er ihnen nicht, sie schienen zuweilen eine Bürde: „Allerdings habe ich durchaus auch die Schwierigkeit in meinem Leben erfahren, was es bedeutet, als Bibliothekar zu sammeln und privat noch Bücher anzuschaffen.“
Auf der anderen Seite Gerd Biegel, Gründer des Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte, der bei allem Alltagsgeschäft das Träumen nicht aufgegeben hat.
Seinen Traum träumen viele Büchersammler und Sir Thomas Phillipps hat den Traum im 19. Jahrhundert in Worte gekleidet: Von jedem jemals erschienenen Buch je ein Exemplar in die eigene Bibliothek stellen zu können. Dass das unmöglich ist, weiß natürlich auch Gerd Biegel. Aber so nah wie er ist noch niemand an das Luftschloss herangekommen: Mit seinen 230.000 Büchern besitzt er die größte Privatbibliothek Norddeutschlands. Die Zahl ist wohlgemerkt geschätzt. Aber Zweifler lädt der Braunschweiger Bibliomane herzlich zum Nachzählen in seine Bibliothek ein.

Dr. Ulrich Brömmling.
Germanist, Scandinavist in Braunschweig.
Ausriss aus Vier Viertel Kult, SBK
Herbst 2019

Ende.

Freitag, 7. Februar 2020

Lesemedium: digital oder analog?


Die private Reddam-House-Schule im australischen Ort Woollahra (bei Sydney) 
hat sich 2019 GEGEN den allgemeinen Trend entschieden, und wird die genutzten iPads gegenüber gedruckten Schulbüchern zurückstellen. 
Diese Entscheidung ruht auf den Erfahrungen der letzte fünf Jahre, in denen die Klassen 11 und 12 beides angeboten bekommen hatten. Die Präferenz der Schüler lag schließlich bei den Druckausgaben.

Als Vorteile wurden die bessere Orientierung im Text und die bessere Aufnahmefähigkeit der Textinhalte genannt. Im Umkehrschluss hätten die iPads mit auftauchenden Mitteilungen die Konzentration gestört und boten mehr Möglichkeiten, still und heimlich (geräuschloses und kein offensichtliches Umblättern) vom Thema abzukommen.

Inwieweit sich dieses schwarz-weiß Denken pro Schule durchsetzt, oder ob womöglich neuartige Lesemedien wie biegsame Folien mit digitalem Inhalt das Lernen in der Schule verändern, bleibt also auch zehn Jahre nach Erfindung des iPads noch offen…

ENDE.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Raabe ist entstaubt – wie Wissenschaft und Literatur Wilhelm Raabe neu entdecken.


Raabe und heute: Umweltzerstörung, Kolonialismus, Umgang mit Fremden

erstaunlich viele der Themen, die uns derzeit umtreiben, finden sich bereits bei Wilhelm Raabe (1831—1910). Der Band versammelt Beiträge bedeutender Autorinnen und Autoren aus Gegenwartsliteratur und aktueller Literaturwissenschaft, die das Werk des großen realistischen Erzählers neu erkunden und in seiner Aktualität zugänglich machen. Sie zeigen, wie anregend und bereichernd es sein kann, sich auf die Eigentümlichkeiten und Komplexitäten von Texten wie Abu Telfan, Pfisters Mühle, Die Akten des Vogelsangs oder das unvollendete Altershausen einzulassen.

Buchempfehlung "Raabe und heute".
Empfehlung: Raabe und heute.
Hubert Winkels Vorwort Seite 9
Moritz Baßler Einleitung Wilhelm Raabes bürgerliche Radikalität. Seite 21


Vom Anfangen


Gustav Seibt: Wovon redet der Mann? Seite 33


Beziehungsweisen


Felicitas Hoppe: Du aber! Leser der kurzen Nacht! Zu Abu Telfan. Seite 45
Sabine Peters: Ein Austausch über Wilhelm Raabe. Seite 61
Andreas Maier: Raabe: Mein Agent der Rückabwicklung. Seite 71
Clemens J. Seitz: Rabe will Helm. Seite 83


Kapitalismus/Kolonialismus


Christoph Zeller: Raabe als Kapitalismuskritiker. Seite 87
Dirk Göttsche: Kolonialismus und Globalisierung. Seite 101
Katrin Hillgruber: Südamerikanische Querulanten oder „Donnerwetter, dieses Brasilien!“ Seite 123
Eva Eßlinger: Migranten in Bumsdorf. Zu Abu Telfan. Seite 139


Dickes Erzählen


Ingeborg Harms: Der dicke Erzähler. Seite 173
Jochen Hörisch: Zu Gericht sitzen. Zu Stopfkuchen. Seite 191
Eva Geulen: Der Attrappenonkel in seinem Element. Zu Fabian und Sebastian. Seite 211
Marion Poschmann: Baum, Wald‚ Wildnis. Die Zaubermittel in Raabes Novelle Else von der Tanne. Seite 127


Buch Höhle Krieg


Zu Das Odfeld
Vanessa Höving: Inkorporation und Analität. Seite 241
Matthias Göritz: Die Felder der Zukunft. Seite 265


Leere/Labyrinthe


Matthias Zschokke: Vom Mondgebirge. Zu Abu Telfan. Seite 295
Thomas Hettche: Realismus. Seite 309
Katja Lange-Müller: Ein Windsack von einem Weltüberwinder. Zu Die Akten des Vogelsang. Seite 317
Christof Hamann, Oliver Ruf: Kommunikation mit einem Toten. Zu Wilhelm Raabe und Katja Lange-Müller. Seite 323
Wilhelm Raabe: Denke daran! Seite 348



Vom Enden

Brigitte Kronauer: Abbruch des Spiels. Zu Ich und Altershausen. Seite 351
Die Beiträger. Seite 369



Die Herausgeber

Moritz Bassler ist als Professor an der Universität Münster zuständig für Neuere deutsche Literatur von poetischem Realismus bis Pop.
Hubert Winkels ist Kulturjournalist und Leiter der Literaturredaktion beim Deutschlandfunk. Er ist Sprecher der Jurys des Ingeborg Bachmann Preises und des Wilhelm Raabe Literaturpreises in Braunschweig.
Wallstein Verlag, Göttingen 2019.
378 Seiten. 30 EUR.

Ende.

Donnerstag, 16. Januar 2020

Ehrenmitglied des HKV


Ein ehrenvoller Rahmen mit würdigem Inhalt.


Anlässlich des 20ig jährigen Jubiläums zum Bestehen des „Museum Raabe-Haus“ in Eschershausen, hat der Vorstand des Heimat- und Kulturvereins Herrn Professor Dr. h.c. Gerd Biegel als Ehrenmitglied berufen. 
Nicht nur, dass Professor Biegel und Frau Dr. Klein das Museumskonzept vom Braunschweiger Landesmuseum erstellt und aufgebaut haben, sondern auch unermüdliches Reisen in „das Land hinter dem Tunnel“ und die lehrreichen Vorträge waren Grund genug, für diese seltene Ehre.

Die Ehrenurkunde geht an Prof. Biegel durch Ralph Meyer.
Vorstand Ralph Meyer überreicht die Urkunde.
Foto: Jürgen Bommer, Nov.2019.

Die Achtung und Wertschätzung der Kultur, der hier im ländlichen Raum lebenden, hat durch diese Arbeit und Berichterstattung darüber gewiss zugenommen - und dürfte ruhig noch etwas zunehmen. Weiter so!

Ende.

Donnerstag, 9. Januar 2020

Mit allen Sinnen gelesen?


Im Normalfall ist nicht allein das Auge an Prozessen der Informationsaufnahme beteiligt, sondern der ganze Körper.

Mit allen räumlichen und körperlichen Sinnen wird beim Lesen memoriert – wir nehmen es nur nicht so dezidiert wahr. Eigentlich kann dies keine so grundstürzende Erkenntnis sein, da ja alles mit allem zusammenhängt, jedenfalls hat die Wissenschaft unter dem englischen Begriff „Embodied Cognition“ einen Fachbegriff dafür.
So ist der entspannte Körper am Strand, im Sofa, im Bett immer dabei, Signale von außen und vom zu Lesenden zu verknüpfen und zu erinnern. 130 Leseforscher aus ganz Europa haben in der „Stavanger Erklärung“ dazu geschrieben, dass es einen Unterschied in Lesen und Behalten gibt, ob wir digital am Bildschirm oder analog im Papier lesen.

Schon das Gewicht des Mediums ist ein Faktor (oder ganz modern gesagt, ein „Datenpunkt“), die Glätte der Oberfläche, die Laufrichtung der Augen (eine Bildschirmseite, Buchdoppelseiten), die zeitliche Tastinformation, wenn der linke Buchdeckel langsam an Dicke zunimmt, Geruch von Farblösungsmitteln, Geräusche von Lüftern, einlaufenden System- Appnachrichten oder die Bequemlichkeit des restlichen Körpers, die durch Umblättern oder schiefer Lage immer wieder verändert wird – all dies wird zum (!) Gelesenen mitgespeichert.

Das digitale Lesen hinterlässt nach Ansicht der Forscher also klar weniger Erinnerungen, die mit dem Text verbunden werden. 
Das Lesen von Digitalem im Vergleich zum Lesen von Gedrucktem wäre wie das Gehen mit verbundenen, anstatt offenen Augen. Für den sprechenden Fußgänger mit verbundenen Augen erfolgt die Verarbeitung und Erinnerung auf seinem Weg ausschließlich über die inneren Augen, rein mental ohne bildliche Unterstützung. Der Sehende wird das Gesprochene mit z. B. Gartenzäunen, Hausfassaden, Zebrastreifen verbinden. Alle diese Anker hinterlassen eine Spur im Gedächtnis – je weniger Anker, desto weniger Abbildung, die erinnert werden könnten. Somit ist digitales Lesen abstrakter.

Womit / worin ich lese, macht also etwas mit unserer Erinnerung und, in seiner Gesamtheit viel weiter gedacht, auch mit unserer Wertschätzung von jedem Einzelnen, was wir je gelesen haben. Nach dieser tiefschürfenden Erkenntnis bleibt nur noch die Frage zu klären: cui bono?
Ende.

Montag, 30. Dezember 2019

Der große Sohl - Faszination durch Originalität

Nicht jedem ist bewusst, dass die höchste Stelle des Hilsgebirges "Bloße Zelle" genannt wird.

Sie ist durch einen Messpunkt und Hinweisstein erkennbar. 
Messpunkt und Hinweisstein auf die Bloße Zelle im Hils.
Wilhelm Schütte steht auf dem
offiziellen Messpunkt.
Vorne der Hinweisstein. ML 2018



Der Raabeturm. ML 2018






















Rund 100 Meter entfernt gibt es die Möglichkeit über die maximale Steinhöhe hinauszuklettern: der "Große Sohl" mit altehrwürdigem eisernen Aussichtsturm.


Ausblick auf die Ithwiesen mit Flugplatz.
Der Ausblick entschädigt
die furchtlosen Kletterer. ML
Zum Anlass der hundertsten Sohlfahrt wurde der bekannte Turm als Signet für zwei Gedenkstücke verwendet: als Gedenkmünze und als Trinkglas. Beides steuerte die Glashütte Grünenplan (Firma Barberini) bei.

Gedenkmünze. Handwerklich
veredelt von Wilhelm Schütte. ML
Ein hübsches Angedenken an den Hils.
Glühweinbecher als Andenken. ML

Falls Sie den großen Sohl noch nicht kennen, hier eine Einstimmung mit fliegender Kamera.

Ende.

Donnerstag, 26. Dezember 2019

Sohlfahrt die Hundertste


Die nunmehr 100-jährige Tradition der Hannoverschen „Sohlbrüder“


fand mit einer Rekordbeteiligung der Bevölkerung eine wahrhaft würdige Resonanz.

Um 11 Uhr fanden sich die ersten Besucher ein. Wärmefeuer.
Traditionsfeuer um 11 Uhr.


Ehemaliger KWG Schüler und heutiger Ministerpräsident.
Prominenter Turmredner: Stephan Weil.














Die intensiven Vorbereitungen (Herrichten und Renovieren der Außenanlagen, Einladung mit farbiger Designbroschüre, Musikzug Grünenplan, Rockband Einbeck, Holzbeschau und geselliges Beisammensein (Raabefeier) im Eschershäuser MGH, Raabemuseum, Fahrservice, Glas-Gedenkbecher und -münzen) und der „Stargast“ Ministerpräsident Stephan Weil brachten den erhofften Erfolg.
Gruppenbild an historischer Stätte am Großen Sohl.
Funktionsträger u.a. Bode, Weil,
Senftleben, Willuda.

Weil konnte als Turmredner gewonnen werden, da er bereits vor 43 Jahren als Schüler des KWG (ehemaliges Kaiser-Wilhelm-Gymnasium) an einer Sohlfahrt teilnahm. In seiner mit Raabezitaten klug durchsetzten Rede, forderte Weil unter anderem eine Wiederaufnahme der Sohlfahrten durch das KWG. Derzeit beteiligt sich nur die Ehemaligen-Vereinigung.
Rechts im Bild die Heavy Metal Band "Green Machine".
Volksfestgröße.



Ausblick aus 400 Meter Höhe.
+8°C, wenig Wind, neblig-feucht.
Soviel Publikum war noch nie in 100 Jahren.
Gruppengespräche und zum 100x Netze weben ...
Die Organisation wurde vor Ort vom HVV (Vorsitzender Hans-Joachim Bode) gestaltet. Musik gab es von der Feuerwehr Grünenplan (unter anderem „Hoch im Hils“ und „Weserbogenlied“). Nach Abschluss der Reden wurde – ungewohnt – lauter Heavy Metal von der Rockband „Green Machine“ dargeboten (unter anderem auch wieder mit „Hoch im Hils“).







Neben anderen bekannten Teilnehmer waren auch drei Landtagsabgeordnete Sabine Tippelt, Volker Senftleben, Hermann Grupe (zugleich auch Eschershäuser Bürgermeister), dazu der Delligser Bürgermeister Stephan Willudda und der Grünenplaner Bürgermeister Markus Oppermann vor Ort.

Erfreut über eine gelungene Feier geht es nach Hause.
Abstieg zum Roten Fuchs.
Der Dolomitstein mit Relief wird immer als Gedenkstelle benutzt. Kranzniederlegung.
Bekränzter Gedenkstein.

Der Tägliche Anzeiger Holzminden vom 23.12.2019 machte die Titelseite mit Foto auf und brachte dann noch einen ganzseitigen Artikel im Lokalteil – mehr Aufmerksamkeit für eine totgesagte Veranstaltung geht nicht.

Ende.

Fotos: Christian Kaese.

Donnerstag, 19. Dezember 2019

WER sind die Niedersachsen?


Saxones


"Wir sind die Niedersachsen, Sturmfest und erdverwachsen, Heil Herzog Widukinds Stamm!"
Schöner Titel der Landesaustellung: SAXONES.
So schallt der Refrain der inoffiziellen Hymne, des Niedersachsenliedes, seit der Gründung des Bundeslandes Niedersachsen im November 1946 durch das Land. Mit Herzog Widukinds Stamm gemeint sind die damaligen Bewohner unseres Landes, die Karl der Große im 8. Jahrhundert Saxones, also Sachsen, nannte und seiner Herrschaft unterwarf.
Die heutigen Niedersachsen sind demnach die Nachfahren ebendieser Sachsen, die laut Niedersachsenlied als Volksgruppe oder Stamm schon in der berühmten Varusschlacht im Jahr 9 n. Chr. gegen die Römer ins Feld zogen. Und heroisch den römischen Adler nieder in den Sand warfen. Eine schöne Geschichte — aber auch nicht mehr.

Die historische Realität sah anders aus, wie die Niedersächsische Landesausstellung 2019 SAXONES. Das erste Jahrtausend in Niedersachsen unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Stephan Weil einer breiten Öffentlichkeit erklärt.
Landesmuseum Hannover 5.4. bis 18.8.2019
Braunschweigisches Landesmuseum: 22.9.2019 bis 2.2.2020.
Beide Landesmuseen arbeiten zusammen. 2019, 2020.
Zwei Landesmuseen Hand in Hand.
Am Beispiel der Sachsen zeigt sich, dass Völker äußerst komplexe und instabile Gebilde sind. Identität entstand – wie so oft – in der Abgrenzung nach außen.

Desirée Hennecke.
Textausriss: Vier Viertel Kult, Herbst 2019

Ende.

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Warnung vor dem Weihnachtsgrün


Wir schreiben das Jahr 1815 und in damaligen braunschweigischen Landen waren die Forstleute recht sensibel, was ihre Liegenschaften betraf – hier die ganze Geschichte:


Verordnungs-Sammlung.
Nro. 19.
Braunschweig, den 21. December 1815.

(21.) Fürstl. Geheimraths-Collegii Bekanntmachung vom 21ten December 1815, das Verbot des Verkaufs der Spitzen und Kronen von den Nadelholz-Bäumen betreffend.

Wenn gleich der Verkauf der gewöhnlichen Nebenzweige von Tannen- und andern Nadelholz-Bäumen, Behuf der Weihnachtsgeschenke für Kinder, insofern die Verkäufer auf eine rechtmäßige Art zu deren Besitze gelangt sind, fernerweit gestattet bleiben mag, so kann jedoch in Betracht des dadurch den Forsten entstehenden unwiederbringlichen Nachtheils das Einbringen, Ausstellen und Umhertragen zum Verkauf der Hauptmitteltriebe oder der sogenannten Spitzen und Kronen auf keine Weise geduldet werden. Sämmtliche Obrigkeiten haben daher hierauf mit aller Aufmerksamkeit zu halten, und demjenigen, welche dergleichen Kronen umherzutragen, auszustellen oder sonst in Verkehr zu bringen sich unterfangen würden, selbige sofort abnehmen zu lassen und die Person selbst, dem Befinden nach, den Gerichten zur Untersuchung und Bestrafung zur Anzeige zu bringen.

Braunschweig, den 11ten. December 1815.

Fürstlich Braunschweig-Lüneburgisches
Geheimraths-Collegium.
Graf v. d. Schulenburg.
v. Schmidt-Phiseldeck.
v. Schleinitz.

Brauchtum = Arbeit = Freude an der Heimat.
2017 mit obrigkeitlicher Genehmigung :)
Ende.