Sonntag, 27. September 2020

Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2020 geht an:

Die Schriftstellerin Christine Wunnicke.

Der mit 30.000 Euro dotierte Wilhelm Raabe-Literaturpreis, gestiftet von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk, geht in diesem Jahr an Christine Wunnicke für ihren Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ (erschienen 2020 im Berenberg Verlag). 

Der Oberbürgermeister der Stadt Braunschweig, Ulrich Markurth, und Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue stimmten dem Vorschlag der Jury zu.

Die Jury des Wilhelm Raabe-Literaturpreises, die am 21. September tagte, setzt sich in diesem Jahr zusammen aus Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel (Präsident der Internationalen Raabe-Gesellschaft e.V.), Prof. Dr. Moritz Baßler (Germanistisches Institut, Westfälische Wilhelms-Universität, Abteilung Neuere deutsche Literatur), Alexander Cammann (DIE ZEIT), Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin), Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig), Dr. Michael Schmitt (3sat), Prof. Dr. Renate Stauf (Germanistisches Institut, TU Braunschweig), Katharina Teutsch (u.a. FAZ und ZEIT) und Dr. Hubert Winkels (Deutschlandfunk).  

Die Begründung der Jury lautet: 

„Christine Wunnicke hat über Jahrzehnte hinweg ein eigenständiges Werk geschaffen, in dem sich die Gattungen mischen. Gelehrte Groteske. Historischer Miniaturroman. Wissenschaftssatire. Sie beherrscht die Wissensjargons verschiedener Zeiten, mythologische und religiöse Idiomatiken und poetische Aufschwünge ebenso wie deren Parodien. Immer arbeitet sie auf der Grenze zwischen beiden. Am Kipppunkt von Wahn in Wissen und umgekehrt; von Bericht und Karikatur eines Berichts. Aus dem zufälligen Zusammentreffen einzelgängerischer Helden der Wissenschafts- und der Weltgeschichte schlägt sie helle Funken der Erkenntnis und der Komik. In ‚Missouri‘ wird der Erneuerer der englischen Dichtung von einem Cowboy entführt. In ‚Katie‘ versucht ein Experimentalwissenschaftler Messungen an einem spiritistischen Medium vorzunehmen. Auch ‚Die Dame mit der bemalten Hand‘ handelt von dem tragikomisch scheiternden Versuch, die Welt zu vermessen. Der persische Astrolabienbauer Musa al-Lahuri strandet auf einer struppigen Insel vor Bombay und trifft auf den deutschen Mathematiker Carsten Niebuhr. Ausgerechnet das Vermessungsgenie soll die Originalschauplätze der biblischen Heilsgeschichte studieren und ist vom Weg abgekommen. Der Perser und der Deutsche reden vielsprachig wortreich aneinander vorbei. Aus den Scherben eines Kommunikationsdesasters baut Christine Wunnicke neue bizarr-schöne Gebäude. Der clash of cultures ist hier ein Vergnügen für gebildete Zuschauer von Schiffbrüchen und sprachdionysische Aufklärungsskeptiker. Christine Wunnicke arbeitet den Wahnsinn am Grund unserer Erkenntnis und unseres Wissens heraus. Anschaulich, turbulent, komisch und deshalb schön.“ 

Der diesjährige Wilhelm Raabe-Literaturpreis wird coronabedingt nicht vor Ort im Braunschweiger Staatstheater verliehen, sondern im Rahmen einer klassischen Sendung im Programm des 

Deutschlandfunk und zusätzlich des 

Deutschlandfunk Kultur, dem ‚Studio LCB‘, ausgestrahlt zunächst am 

Samstag, 28. November 2020.   

Mit der Verleihung dieses Preises zeichnen die Stadt Braunschweig und Deutschlandfunk jährlich ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk aus. Mit der Auszeichnung soll exemplarisch das bis zum Zeitpunkt der Preisverleihung publizierte literarische Schaffen gewürdigt werden. Ein neues Buch des/der Preisträgers/Preisträgerin muss im laufenden Kalenderjahr der jeweils aktuellen Vergabe erschienen sein.  

Zu den bisherigen Preisträgerinnen und Preisträgern gehören Rainald Goetz, Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann, Wolf Haas, Katja Lange-Müller, Andreas Maier, Sibylle Lewitscharoff, Christian Kracht, Marion Poschmann, Thomas Hettche und Clemens J. Setz, Heinz Strunk, Petra Morsbach, Judith Schalansky und Norbert Scheuer.

Ende.

Donnerstag, 24. September 2020

Raabe Geburtstag zum 189 x

Zwar verstarb Wilhelm Raabe vor 110 Jahren, 

aber wer will schon an ein Todesdatum erinnert werden.

Die Eschershäuser Raabegesellschaft jedenfalls trifft sich lieber jährlich am lebensübergroßen Denkmal vor der Wilhelm-Raabe-Schule. Nach kurzem Gedenken an den Geburtstag wurde eine in schöner Blüte stehende Blumenschale abgelegt.

Standbild mit Blumenschmuck
Geschmücktes Standbild. ML 2020.

Das Museum Raabe-Haus hat sich mit einem stilvollen Laubkranz geschmückt, der sich sehr hübsch von der Sandsteinverblendung abhebt. 

Raabemuseum mit Laubkranz.
Laubbekränzte Front. ML, 2020.

Das ermuntert doch, das Museum einmal zu besuchen und etwas über den Lebensweg Raabes zu erfahren.

Viel Freude daran!


Ende.

Donnerstag, 17. September 2020

Shortlist für den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2020

 Bitte vormerken - vier Autorinnen und ein Autor sind mit ihren Werken nominiert:

Anna Katharina Hahn: Aus und davon    Suhrkamp Verlag, 2020

Leif Randt: Allegro Pastel        Verlag Kiepenheuer & Witsch, 2020

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos    Matthes & Seitz Berlin, 2020

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt        Klett-Cotta Verlag, 2020

Christine Wunnicke: Die Dame mit der bemalten Hand    Berenberg Verlag, 2020

Mit 30.000 Euro Preisgeld gehört der Wilhelm Raabe-Literaturpreis zu den bedeutendsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Der Preis wird von den Kooperationspartnern Deutschlandfunk und der Stadt Braunschweig vergeben. Jedes Jahr wird mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk gewürdigt. Alleiniges Vorschlagsrecht obliegt der Jury, die jedes Jahr neu berufen wird.  

Die Jury des Wilhelm Raabe-Literaturpreises besteht aus neun Personen und setzt sich in diesem Jahr zusammen aus Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel (Präsident der Internationalen Raabe-Gesellschaft e.V.), Prof. Dr. Moritz Baßler (Germanistisches Institut, Westfälische Wilhelms-Universität, Abteilung Neuere deutsche Literatur), Alexander Cammann (DIE ZEIT), Thomas Geiger (Literarisches Colloquium Berlin), Dr. Anja Hesse (Dezernentin für Kultur und Wissenschaft der Stadt Braunschweig), Dr. Michael Schmitt (3sat), Prof. Dr. Renate Stauf (Germanistisches Institut, TU Braunschweig), Katharina Teutsch (u.a. FAZ und ZEIT) und Dr. Hubert Winkels (Deutschlandfunk).   

Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2020 wird Anfang November vergeben.

Weitere Informationen unter der Telefonnummer (05 31) 70 75 834.

Ende.

Montag, 7. September 2020

Zum 189. Geburtstag Wilhelm Raabes

Wilhelm Raabe zwischen Zeitgeist und Moderne

Betrachtungen zur Aktualität und internationalen Bedeutung des 

braunschweigischen Schriftstellers aus Eschershausen zum 189. Geburtstag

Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel, M.A.

Institut für Braunschweigische Regionalgeschichte und Geschichtsvermittlung, TU Braunschweig

Präsident der Internationalen Raabe-Gesellschaft e.V.

 »Einer darf die Krone tragen. Einer soll das Zepter führen. Wilhelm Raabe – im Dreigestirn deutscher Kunstprosa des Realismus, das er mit Storm und Fontane bildet, hat er sich klar als der Strahlendste behauptet. Das war nicht vorauszusehen. Das ist im Grunde eine Entwicklung der letzten Jahre. Das hat sich erst ergeben, seit man das Moderne in Raabe zu erkennen vermag, mit dem er dem doch insgesamt reichlich altbackenen Storm, dem immer eine Spur gefälligen Fontane überlegen ist«.

 Dieses Zitat aus der Literaturkritik hebt die Bedeutung und die Moderne von Wilhelm Raabe unmissverständlich hervor. Hervorgehoben werden soll auch, dass dieser bedeutendste Bürger des Weserberglandes vor 189 Jahren, am 8. September 1831, in Eschershausen geboren wurde. Der Schriftsteller ist zweifelsohne eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des ehemaligen braunschweigischen Weserkreises sowie des Weserberglandes überhaupt.

Sein Rang und seine Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte sind in den letzten Jahren zunehmend gewachsen, denn die Forschung entdeckte die Moderne in den Werken Raabes und die Aktualität des Anwalts »der Außenseiter und Unangepassten, der Mühseligen und Beladenen« im stolzgeschwellten wilhelminischen Deutschland, der mit kritischer Beobachtungsgabe die Auswüchse seiner Zeit thematisierte und gnadenlos offen legte. Wilhelm Raabe brach eine Lanze für Geisteskranke sowie Prostituierte, und prangerte Vorurteile der Bürgergesellschaft offen an. Und mehr noch: Eine deutliche Raabe-Renaissance ist in den letzten Jahren zu erfahren und die zunehmende Attraktivität von Wilhelm Raabe beruht auf der Aktualität der Themen und Aussagen in Raabes Werken, insbesondere für Raabes warnende Auseinandersetzung mit den ökologischen Folgen der Umweltverschmutzung. Mit »Pfisters Mühle« schrieb er 1883 zu diesem Thema den ersten Roman, zu einer Zeit, als selbst Humanisten noch nichts mit dem Wort »Ökologie« anzufangen wussten.

Die Kritik am Kolonialismus im Roman »Abu Telfan«, die Auseinandersetzung mit der Sinnlosigkeit des Krieges als Mittel der Politik in »Odfeld« und vielen anderen Werken machen die aktuelle Bedeutung Raabes zusätzlich aus, so dass festgestellt werden kann: 

Wilhelm Raabe ist ein Dichter für das 21. Jahrhundert geworden – kritisch, visionär und aktuell!

Die bewahrte und gelebte Erinnerung an Wilhelm Raabe bestimmt die Identität von Eschershausen als »Raabe-Stadt«. Dazu tragen auch entschieden die Aktivitäten und die unermüdlichen Initiativen und die Begeisterungsfähigkeit der ehrenamtlichen Raabefreundinnen und –freunde im Raabemuseum bei und bewahren, gemeinsam mit der Internationalen Raabe-Gesellschaft Raabe und sein Wohnhaus in Eschershausen als »kulturelle Leuchttürme« von weit überregionaler und nationaler Strahlkraft.

Ende.

Donnerstag, 3. September 2020

Zensur 1814.


Polizeistaat und Überwachungskultur.


Wer ein Auge für diese Dinge hat, findet bei Raabes Texten immer mal wieder einen kleinen Seitenhieb auf die damalige obrigkeitliche Zensur. Diese war geboren als Antwort auf die Französische Revolution und die ähnlichen Bestrebungen gegen den Adel im deutschsprachigen Raum. Metternich war die treibende Kraft hinter dem Deutschen Bund und der geheimen Zensurbehörden. In den – nach der französischen Besatzung gerade wiedererstandenen – Braunschweigischen Landen, wurde 1814, neben allerlei ach so wichtigen Militärdingen, flugs auch gleich in der allerersten Verordnungssammlung die Zensur von Druckschriften geregelt.
Serenissimi Verordnung 28. März 1814
1. Jahrgang 1814
Besonders entlarvend ist der Einleitungsgedanke, dass eine „vernünftige“ Presse nicht beschränkt werden soll. Dann folgen in deutscher Gründlichkeit zwanzig Paragrafen zum Schutze der Ruhe im Lande und des Adels.



(51.) Serenissimi Verordnung vom 28sten März d. J., die Censur der Druckschriften betreffend.



Von Gottes Gnaden, Wir Friedrich Wilhelm, Herzog zu Braunschweig-Lüneburg, auch in Schlesien Fürst zu Oels und Bernstadt ec. ec.

fügen hiemit zu wissen:

So wenig Wir auch gemeinet sind, eine vernünftige Preßfreiheit irgend beschränken zu wollen, so lehrt doch die Erfahrung hinlänglich, daß der Mißbrauch derselben gar leicht zu unangenehmen Folgen mancher Art Gelegenheit gebe. Um daher diesen zuvorzukommen, ohne jene im wesentlichen zu beschränken, verordnen Wir hiedurch folgendes:

§. 1.
Vom Tage der Publication der gegenwärtigen Verordnung angerechnet, soll keine politische Zeitung und kein Intelligenz-Blatt in Unsern Landen gedruckt werden, wenn Wir nicht zuvor dazu Unsere Genehmigung ertheilt, und wegen der Censur derselben das Nöthige verordnet haben.

Verordnungssammlung Braunschweig S. 238
Seite 238
§. 2.
Ausgenommen hiervon sind allein,
1) die öffentlichen Anzeigen, welche hieselbst erscheinen, und
2) die Zeitung für die Landleute, welche in Wolfenbüttel herausgeben wird, da dieser Blätter halber die nöthigen Einrichtungen bereits bestehen.


§. 3.
Der Censur sind unterworfen,
1) alle Bücher und Schriften über Gegenstände der Religion und Gottesverehrung,
2) alle dergleichen, welche politischen Inhalts sind,
3) alle Romane, Gedichte und Liedersammlungen,
4) alle Kalender und Almanache,
5) alle einzelne Lieder, Gedichte, Pamphlets und Brochuren, so wie
6) alle zum öffentlichen Anschlage oder zum Vertheilen im Publico bestimmten Aussage, diese mögen schriftlich oder gedruckt bekannt werden sollen.

§. 4.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 239
Seite 239
Alle übrigen unter der Bestimmung des vorhergehenden §phen nicht begriffenen Bücher und Schriften dürfen ohne vorgängige Censur gedruckt, und verkauft werden; für den Inhalt bleibt der Verfasser, oder wenn sich dieser nicht genannt hat, der Buchdrucker verantwortlich.
Es darf daher innerhalb Unserer Lande kein dergleichen Buch gedruckt werden, wenn nicht einer von beiden sich genannt hat, oder aber, wenn aus irgend einem Grunde beide sich nicht zu nennen wünschen, der Name und Wohnort des Verfassers oder Druckers, oder aber des Verlegers, falls dieser die Verantwortlichkeit für beide übernehmen will, Unserm Geheimen Raths-Collegio bestimmt angezeigt worden.
In Ansehung der Journale entscheidet ihr Inhalt, ob sie nach Vorstehendem der Censur zu unterwerfen sind.

§. 5.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 240
Seite 240
Die Censur soll verwaltet werden:
1) In Ansehung der Schriften, welche die Religion und Gottesverehrung betreffen, von Unserm Consistorio zu Wolfenbüttel.
2) In Ansehung der unter den Nummern 2 – 4 des vorstehenden 3ten §phen erwähnten Schriften von, demjenigen, welchem Wir dieses Geschäft hieselbst zu übertragen Uns vorbehalten.
3) In Ansehung der unter Nro. 5 und 6 desselben §phen erwähnten Gegenstände von der ordentlichen Polizei-Obrigkeit des Ortes.

§. 6.
Im Allgemeinen haben vorerwähnte Censur-Behörden dahin zu sehen, daß keine Bücher und Schriften in Umlauf kommen, welche der dem Regenten und dessen befreundeten Mächten schuldigen Ehrerbietung, der öffentlichen Ruhe, der den verschiedenen Religionen schuldigen Achtung, oder den guten Sitten zuwider sind, oder auch bloß persönliche Verunglimpfungen der Staatsdiener oder anderer Landeseinwohner zum Zwecke haben, und vertrauen Wir zu ihnen, daß sie hiernach bei Beurtheilung der ihnen vorzulegenden Schriften mit gehöriger Ueberlegung und Gewissenhaftigkeit verfahren werden.

§. 7.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 241
Seite 241
Wäre ein Censor zweifelhaft, ob der Abdruck eines Werkes gestattet werden könne, oder nicht, so hat er deshalb von Unserm Geheimen-Raths-Collegio sich Verhaltungsmaße zu erbitten.

§. 8.
Würde ein Censor einer Schrift die Bewilligung zum Drucke ertheilen, welche nach obstehenden Vorschriften nicht hätte genehmigt werden sollen, so bleibt zwar der Drucker, Verleger oder Schriftsteller von Verantwortlichkeit deshalb, insofern nicht etwa jemand Privatgenugthuung zu fordern berechtigt wäre, frei; Wir behalten Uns aber vor, den Censor deshalb, dem Befinden nach, zur Verantwortung zu ziehen.



Verordnungssammlung Braunschweig S.242
Seite 242
§. 9.
Alle der Censur unterworfene Schriften sind zeitig, und zwar, so viel die eigentlichen Bücher betrifft, spätestens 4 Wochen; Schriften aber, welche unter sechs gedruckte Bogen stark sind, spätestens 14 Tage vor der zum Abdrucke bestimmten Zeit an die Censur-Behörde einzusenden.
Sie müssen deutlich und feierlich und ohne viele Abänderungen geschrieben, auch paginirt seyn. Werden die Manuscripte diesem nicht gemäß befunden, so sind selbige zur Anfertigung einer reinlichen Abschrift zurückzugeben.

§. 10.
Die Censur-Behörde hat selbige binnen vorstehender Frist durchzusehen, und falls sie nichts dagegen zu erinnern findet, auf dem Titelbogen mit dem Imprimatur zu versehen, und dabei zu bemerken, aus wie vielen geschriebenen Seiten das Manuscript bestanden habe. Auch ist, um alle nachherige Verwechselungen der Blätter zu vermeiden, jedes Blatt mit der Namenschifre des Censors zu versehen.
Finden sich einzelne Abänderungen im Manuskripte, so hat der Censor auch diese, zum Beweise, daß er sie gesehen, am Rande mit seiner Chifre zu bezeichnen.

§. 11.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 243
Seite 243
Findet der Censor die Schrift an sich zulässig, jedoch daß darin einzelne Ausdrücke oder Sätze einer Abänderung bedürfen, so hat er diese dem Verfasser bemerkIich zu machen, und erst nach erfolgter Abänderung, welche, wie vorsteht, vom Censor zu bezeichnen ist, die Erlaubniß zum Drucke zu ertheilen. Würden der Schriftsteller oder Drucker sich die vom Censor verlangten Abänderungen nicht gefallen lassen wollen, oder auch sich durch die versagte Erlaubniß zum Drucke einer Schrift beschwert erachten, so bleibt ihnen eine Vorstellung dagegen bei Unserm Geheime-Raths-Collegio offen, bei dessen Entscheidung aber hat es sein endliches Verbleiben.

§. 12.
Die Manuskripte der censirten Bücher sind nach dem Abdrucke zu etwaniger Vergleichung an die Polizei-Behörde des Wohnorts des Druckers oder Schriftstellers abzugeben, und von dieser aufzubewahren.

§. 13.
Den Censurbehörden soll für Ihre Bemühung die schon früher bestimmt gewesene Gebühr von 2 Ggr. für den gedruckten Bogen von dem Drucker oder Verfasser entrichtet werden.

§. 14.
Alle nach §. 5. der Censur der Polizeibehörde unterliegende Gegenstände müssen, ehe sie zum Drucke, oder falls sie etwa schon gedruckt eingebracht worden, ehe sie zum Verkauf oder zu einer sonstigen Distribution gebracht werden, selbiger Behörde vorgelegt werden, um nach Anleitung des §. 6. zu ermäßigen, ob der Abdruck oder die Distribution zu gestatten sey. Die hier schriftlich, jedoch unentgeldlich, zu ertheilende Erlaubniß hat dieselbe Wirkung, als das Imprimatur des Censors. Ist eine solche Erlaubniß zum Verkaufe oder sonstigen Distribution schon von der hiesigen Polizei-Direktion oder einer andern Polizei-Behörde in Unsern Landen ertheilt worden, so ist solche vorzuzeigen, und von der Polizei-Behörde des Ortes, wo der fernere Vertrieb stattfinden soll zu visiren.

§. 15.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 244
Seite 244
Derjenige Drucker oder Schriftsteller, welcher vorstehenden Vorschriften zuwider-, Bücher oder Schriften welche der Censur unterworfen sind, ohne vorgängig das Imprimatur erwirkt zu haben, drucken oder auch das gebilligte Manuscript nicht an die Polizei-Behörde zur Aufbewahrung abgeben, so wie ein jeder, welcher Gegenstände, die der Censur der Polizei-Behörde unterworfen sind, ohne deren Erlaubniß verkaufen oder sonst im Umlauf bringen würde, verfällt in eine Strafe von 25 bis 100 Rthlr.; härtere Strafen, wenn der Fall deren erheischen sollte, so wie der Privatgenugthuung gegen beleidigte Personen vorbehältlich.





§. 16.
Verordnungssammlung Braunschweig S. 245
Seite 245
Den vorstehenden Verfügungen zuwider, zum Druck oder sonst ins Publikum gebrachte Schriften können dem Befinden nach confiscirt werden.

§. 17.
Derjenige Censor, welcher die ihm vorgelegten Schriften nicht binnen der §. 10. vorgeschriebenen Frist befördern würde, bleibt dem Verleger oder Schriftsteller für den daraus erwachsenden Schaden verantwortlich.

§. 18.
Die Bücher-Katalogen bleiben einstweilen von der Censur befreiet. Würden sich aber darin Bücher finden, deren Verkauf von Uns verboten worden, oder aber welche zu denen gehören, deren im §. 6. erwähnet worden, so haben die mit der Haltung der Auctionen beauftragten Personen deren Verkauf nicht zuzulassen, sondern vielmehr die sich vorfindenden Exemplare an die Polizei-Behörde des Ortes abzuliefern.

§. 19.
Ein jedes etwa zu erlassendes Bücherverbot soll, gleich andern Gesetzen zur Nachricht und Nachachtung öffentlich bekannt gemacht werden.

§. 20.
Sämmtliche Unsere Unterthanen, und insbesondere sämmtliche Obrigkeiten und Censoren, haben sich hiernach gebührend zu achten.

Verordnungssammlung Braunschweig S. 246
Seite 246
Urkundlich Unserer eigenhändigen Unterschrift und
beigedruckten Fürstl. Insiegels.
Gegeben Braunschweig, den 28sten März, 1814.

Friedrich Wilhelm,
Herzog zu Braunschweig - Lüneburg ec.

v. Schmidt-Phiseldeck.







Ende.

Freitag, 14. August 2020

Poetikdozentur

 In Braunschweig ist Kultur weiblich!

Covid-19 - was lässt sich aus feministischer Sicht zu der durch das Virus ausgelösten gesellschaftlichen Entwicklung sagen? Sind jetzt (ersehnte/befürchtete) Wertewechsel möglich oder wird vielmehr an alteingesessenen Strukturen umso nachhaltiger festgehalten? 

Sasha Marianna Salzmann, ausgezeichnet mit der diesjährigen Ricarda Huch Poetikdozentur, initiiert vier Gespräche:

  • mit der Soziologieprofessorin Sabine Hark, 
  • dem Autor und Dramaturg Necati Öziri, 
  • der Dramatikerin Sivan Ben Yishai 
  • und der Schriftstellerin Emma Braslavsky.

Die vier geplanten Gespräche werden aufgezeichnet und online ab Juli 2020 zur Verfügung gestellt. 

Die ersten beiden Gespräche sind bereits hier abrufbar, im Spätsommer folgen das dritte und vierte Gespräch.

https://www.braunschweig.de/kultur/literatur/ricarda_huch/Poetikdozentur_Uebersicht.php

Ende.

Freitag, 7. August 2020

Ruhm ist: mitgedacht werden, wenn an ein ganzes Volk gedacht wird.


Der Philatelistische Dienst der Deutschen Bundespost begann am 1. Januar 1975 mit der Herausgabe der „Amtlichen Ersttagblätter“.

Hier sind einige aufgeführt, die Dichtern gewidmet wurden.

Ersttagsbrief Dt. Bundespost Brentano 1978
Brentano


Zum 200. Male jährt sich der Geburtstag eines der größten Dichter der deutschen Romantik. Clemens Brentano *9. September 1778.
Obwohl Brentano zu den großen romantischen Dichtern gehört, ist sein Werk bis heute nur zu einem kleinen Teil bekannt. Mit seinem Namen verbindet sich in erster Linie die umfangreiche Volksliedsammlung »Des Knaben Wunderhorn«‚ die er gemeinsam mit seinem Freund Achim von Arnim herausgab. Außerdem sind seine Märchen zum Teil lebendig geblieben. Weniger bekannt ist, dass er auch der Schöpfer der Lorelei-Sage ist, die später von vielen Dichtern, darunter Heinrich Heine, besungen wurde.
Zeitgenössischer Scherenschnitt von Luise Duttenhofer: Brentano als Schmetterling.
Entwurf des Ersttagsstempels: Elisabeth von Janota-Bzowski, Düsseldorf.





150. Geburtstag von Wilhelm Busch 
*15. April 1832 +9. Januar 1908
Ersttagsbrief Dt. Bundespost 1982
Busch

Millionen Menschen kennen „Max und Moritz“. Viele Tausende besitzen ein Buschalbum als „Hausschatz“. Unzählige zitieren seine populären Verse.
Busch findet erst mit 26 Jahren als Mitarbeiter der humoristischen Wochenschrift „Fliegende Blätter“‘ einen Weg zum künstlerischen Erfolg. Die Bildergeschichte „Max und Moritz“ begründet 1565 seinen Ruhm. Es folgen u. a. „Die fromme Helene“‚ „Julchen“‚ „Fipps der Affe“‚ „Maler Klecksel“. Seine Bedeutung für die Kunst der Bildergeschichte zeigt sich in der Entwicklung vom gedruckten Flugblatt bis zum heutigen Cartoon. Damit ist aber Wilhelm Buschs künstlerische Vielfalt noch nicht ausgeschöpft. Als Dichter und Philosoph ist er den wenigsten bekannt. Seine Prosawerke „Eduards Traum“ und „Der Schmetterling“ sind von zeitloser Aktualität.
Entwurf des Ersttagsstempels: Paul Froitzheim, Tönisvorst.
Motiv: „Helenchen“ am Beginn des dritten Kapitels mit der Schlussbemerkung des „Onkel Nolte“ aus der Bildergeschichte „Die fromme Helene“.


Ersttagsbrief Dt. Bundespost 1982
Goethe




18. Februar 1982 – 150. Todestag von Johann Wolfgang von Goethe, welcher im 83. Lebensjahr stehend, in Weimar starb.
Motiv: nach einem Gemälde von Georg Melchior Kraus. Weimar 1776.
Entwurf des Ersttagsstempels: Elisabeth von Janota-Bzowski, Düsseldorf.
Motiv: Stern aus Goethes Wappen.









Die 150. Wiederkehr des Todestages am 16. November 1977 ist Anlass, des Schriftstellers Wilhelm Hauff zu gedenken.

Ersttagsbrief Dt. Bundespost 1977
Hauff
Während seines Theologiestudium wurde Hauff von einem geradezu fieberhaften Drang zum Schreiben erfasst. Er produzierte ohne Mühe mit fast unbegreiflicher Schnelligkeit und seine leichte, gewandte, rastlose Feder kam, als ob er seinen frühen Tod ahnen würde, nicht mehr zur Ruhe. Von wenigen Gedichten abgesehen, besteht fast das gesamte Werk Hauffs aus erzählender Prosa, die historische oder zeitgenössische Stoffe behandeln. Am künstlerisch gelungensten sind die „Phantasien im Bremer Ratskeller“. In erster Linie aber verbindet sich Hauffs Name mit den Märchen, die kunstvoll in Rahmenerzählungen eingebettet sind. Die Märchen - in viele Sprachen übersetzt - sind mit „Kalif Storch“, „Zwerg Nase“, „Der kleine Muck“ oder „Das kalte Herz“ Märchengestalten der Weltliteratur geworden.
Hauff steht zwischen Romantik und Frührealismus.
Motiv: Hauff am Schreibtisch sitzend.
Entwurf des Ersttagsstempels: Elisabeth von Janota-Bzowski, Düsseldorf.



Wiederkehr des 150. Geburtstags von Wilhelm Raabe.
Ersttagsbrief Dt. Bundespost 1981
Raabe
Wilhelm Raabe gehört zu den großen, auch im Ausland anerkannten deutschen Erzählern. 68 epische Dichtungen entstammen seiner Feder. Neben Theodor Fontane und Theodor Storm zählt er zu den bedeutendsten Realisten der deutschen Literatur des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Motiv: Kopfbild
Entwurf des Ersttagsstempels: Bruno K. Wiese

-ENDE-

Freitag, 24. Juli 2020

Neuerscheinung: Der Blick auf das blaue Meer

Insellektüre 

Pünktlich zur Urlaubssaison legt Herr Walter Zimorski eine wunderschöne Insellektüre vor: Wilhelm Raabe auf Sylt und Borkum. Der Raabe-Kenner weiß über Raabes Reisen ins Norddeutsche Bescheid und auch über den erwarteten gesundheitlichen Nutzen. In diesem Buch gelingt die Verkettung der zeitlichen Abläufe mit den familiären und gesellschaftlichen Ereignissen - wunderbar eingebettet in Erläuterungen zur Gegend. So kommt auch das recht berühmte Foto Raabes auf der Buhne am Meeresrand in den richtigen Kontext, wie überhaupt reichlich Bildmaterial die Texte stützt. Ebenso mit Bedacht ist richtigerweise Raabes dichterische Urlaubsreflexion „Deutscher Mondschein“ in der Mitte platziert und somit von den Inselbeschreibungen stilvoll eingerahmt. 

Der Blick auf das blaue Meer- Buchneuerscheinung
W.Zimorski publiziert im Igel-Verlag.


 Durch die klare Strukturierung und kleinteiligen Texte ist das Buch für den Sommerurlaub sehr empfehlenswert – und da auch erhebliches Wissen über die historischen lokalen Geschehnisse mitgeteilt wird, wird man es als Strandlektüre vor Ort besonders zu schätzen wissen. 
Igel Verlag, Hamburg
ISBN 978-3-86815-737-6

Ende.

Donnerstag, 2. Juli 2020

Ein leeres Blatt Papier.


Das ist die größte Aufgabe für den Schriftsteller,


dass er eine leere Fläche mit Wörtern befüllen will, die andere dann möglichst auch lesen möchten. 
Wilhelm Raabe hat diese auch ihn beschäftigenden Schwierigkeiten listigerweise häufig mit seinen Lesern geteilt.
Leere Buchseiten laden zur Befüllung ein.
Füll mich! ML
Der erste Gedanke, das erste Wort bleibt selten so stehen und unbearbeitet, denn die Hürde des Akzeptablen ist aus Sicht des Schriftstellers und nach seinen Maßstäben groß.

Dagegen haben wir Leser das leicht: wir können alles nach Tagesform kritisieren und brauchen selten Rücksicht auf den Schriftsteller zu nehmen.

Und doch lohnt sich der Aufwand des Schreibens und unser Respekt dazu, denn:

„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert
und mehr als das Blei in der Flinte
das Blei im Setzkasten“.
Georg Christoph Lichtenberg
Göttingen

-ENDE-

Donnerstag, 18. Juni 2020

Münzen – das Runde musste ins Eckige - Megatrend Digital.


Seit Erfindung des Münzgeldes vor etwa 2.600 Jahren

wurden zunächst im Mittelmeerraum, letztlich dann über den gesamten Globus hinweg, Milliarden und Abermilliarden Münzen hergestellt — in aller Regel in Form kleiner runder Metallscheiben mit beidseitig eingearbeiteten Text— und Bildelementen. Aus kulturgeschichtlicher Perspektive sind Münzen als historische Originalzeugnisse also gerade deshalb so faszinierend, weil ihre Materialeigenschaften, ihre Präge- und Fundorte sowie ihre Bild— und Textgestaltung so überaus viel darüber verraten, wie Menschen miteinander interagiert, wie sich politische Mächte legitimiert und wie sich ganze Wirtschaftssysteme entwickelt haben: Münzen bieten uns Einblicke in frühere Kulturen, die wir aus literarischen Zeugnissen niemals gewinnen könnten. 1754 wurde mit dem „Kunst und Naturaliencabinett“ (HAUM) eines der ersten öffentlich zugänglichen Museen überhaupt eröffnet. 

Fünf Pfennige von 1862. BS.
Münzgeld zu Raabes Zeit. ML.
Der Sammlungsbestand wird hier typischerweise der Ordnungslogik von eckigen Kabinettschränken unterworfen, die jeder einzelnen Münze einen festen Platz zuweist und sie damit überhaupt erst auffindbar und somit der Forschung zugänglich macht. Die Lagerung im Münzschrank war über die letzten Jahrhunderte hinweg sozusagen der Goldstandard numismatischer Systematisierungstätigkeit. Über die letzten Jahrzehnte hinweg sind publizierte Sammlungskataloge der griechischen, römischen und mittelalterlichen Münzen sowie der Medaillen hinzugekommen. Seit 2018 nun wird die Sammlung sukzessive digitalisiert www.virtuelles-muenzkabinett.de und gewinnt damit eine bedeutende neue Dimension hinzu.

Neue Bezüge dank Schnittstellen

Die Digitalisierung einer numismatischen Sammlung bietet die Möglichkeit, die starre Ordnungslogik aufzulösen und den Sammlungsbestand in einer ganz neuen Qualität nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für die Forschung aufzubereiten: Die Daten, die sich zu den einzelnen Sammlungsobjekten erheben lassen, werden fluide und lassen sich über virtuelle Schnittstellen in Sekundenbruchteilen mit Daten aus anderen Sammlungen weltweit in Beziehung setzen. So werden erstmals in großem Stil statistische Abfragen etwa über den Münzumlauf, über Hortbildungsmuster oder über den Einsatz bestimmter Bildelemente möglich. Gerade über die hochwertigen Bilddateien, die mit jedem Digitalisat verknüpft sind, lassen sich die Objekte jetzt auch mit Verfahren der Künstlichen Intelligenz untersuchen, und perspektivisch werden sich in absehbarer Zeit in großer Zahl 3D-Modelle von Münzen einbinden lassen. Galt die Anforderung „das Runde muss ins Eckige“ im Grunde schon für die Münzkabinette alten Typs, so ist Sammlungstätigkeit heute ohne das Instrumentarium des Digitalen kaum mehr denkbar.
Althistoriker Prof. Dr. Johannes Wienand.
Alte Geschichte, Technische Universität Braunschweig.

Neuer Impuls fürs Sammeln

Die alte Welt mit Katalogen, Fachzeitschriften, Antiquariaten und Auktionen hat ausgedient. Jeder Sammler kann mittlerweile im Internet weltweit selbst auf die Jagd gehen. Es ist so leicht wie noch nie, an Informationen zu kommen, zu größerer Transparenz, etwa bei der Ermittlung aktueller Marktpreise. Auf den ersten Blick gefällt der Trend den traditionellen Händlern natürlich nicht. Sie müssen sich neu erfinden. Wer das nicht schafft, wird die Digitalisierung nicht überleben. Denn tatsächlich wird die Digitalisierung dem Sammeln allgemein einen neuen Impuls geben, schließlich geht es um den Ausdruck von
1867 Herzog Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg.
Raabes Zeit: Herzog Wilhelm, BS.
1 Thaler von 1867. ML
Individualität.
Die Unternehmensgruppe Richard Borek steht seit 1893 im Dienst des Sammlers. Bereits jetzt hat sich das Nutzungsverhalten der Kunden in der digitalen Welt erheblich verändert. Auf die Homepage  www.borek.de greifen die Kunden bereits mehr als 20 Millionen Mal pro Jahr zu. Mittlerweile werden jährlich mehr als 500.000 Bestellungen über E-Commerce abgewickelt. Das ist schon mehr als die Hälfte — Tendenz steigend — und das bei einer doch eher konservativen und älteren Kundschaft. Der Weg des Unternehmens wird weg vom klassischen Handelshaus hin zu einem digitalen Dienstleister führen. Die Möglichkeiten sind nicht absehbar. Dank der Blockchain-Technologie wird es zum Beispiel bald möglich sein, die Echtheit hochwertiger und mobiler Sachwerte auf Anhieb bestimmen zu können. Dazu wird ein hauchdünner, versiegelter Code an den betreffenden Objekten angebracht, der weltweit überprüft werden kann. In Echtzeit wird es für den Sammler möglich sein, zu ermitteln, ob der geforderte Preis angemessen ist oder nicht. Und umgekehrt wird es für Dienstleister möglich sein, Kunden ein gezieltes Angebot für ihre Sammlung zu übermitteln, sofern sie ihre digitale Sammlung zur Verfügung gestellt haben.
Angesichts der schier unendlichen Möglichkeiten treibt die Unternehmen natürlich die Frage um, was Menschen in 10, 20 oder 50 Jahren sammeln und wie sie es tun werden. Denn Jäger und Sammler werden wir auch in der nächsten Generationen bleiben, nur eben in anderer Form.

Richard Borek, der Jüngere.
Briefmarkenfachhandlung Richard Borek GmbH & Co. KG,
MDM Münzhandelsgesellschaft mbH & Co. KG Deutsche Münze,
Archiv Verlag.

Kurzausriss aus: Vier Viertel Kult, SBK.
Herbst 2019.

Ende.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Hand und Hirn


Zählen Sie zu den Menschen, die einen Füller zwischen drei Fingerspitzen halten und einen lesbaren und ästhetisch ansprechenden Text schreiben können?

Glückwunsch, Sie beherrschen eine Kulturtechnik, die vermutlich bald so elitär sein wird wie das Reiten im Damensattel. Die Industrialisierung hat mit Eisenbahnen und Automobilen das Reisen auf Pferderücken zu antiquarischen Kuriositäten gemacht; die Digitalisierung stellt mit ihren Smartphones, Tablets und Sprachassistenten dasselbe mit der Handschrift an. Längst führt sie Rückzugsgefechte auf Notizzetteln‚ in Kondolenzbriefen — und in der Schule. Dort trifft es die verbundene Schreibschrift besonders hart. Viele Kinder hierzulande beherrschen nur noch die an Druckbuchstaben orientierte Grundschrift. Wozu Schnörkel, wenn alle tippen oder Siri diktieren? Die Stiftung Handschrift, die sich der Rettung der Schreibschrift verschrieben hat, stellte kürzlich alarmierende Zahlen vor: 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen in weiterführenden Schulen haben Probleme mit der Handschrift. In der Sekundarstufe I kann nur die Hälfte flüssig Schreibschrift schreiben, die andere fällt in die gedruckte Handschrift zurück. Zwei Drittel der Schüler bekommen nach zehn bis 15 Minuten einen Schreibkrampf. 
Kurrentschrift von Wilhelm Busch
"Schein und Sein"
Warum das ein Jammer ist? Weil Schreibschrift kein überflüssiger Dekor ist, sondern eine ganzheitliche Übung, die beim Denken hilft.

Wer Buchstaben erschafft, statt sie auf einer Tastatur auszuwählen, wer sie motorisch zu Worten verbindet, aktiviert mehr Hirnregionen und vergisst das Notierte weniger leicht. Die Langsamkeit des Vorgangs unterstützt die Gedankenfindung und fordert Konzentration.
Übrigens nicht nur bei Kindern.

Ursula Scheer.
Ausriss aus F.A.Woche
2019 Mai.
Ende.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Namensgeber ganz oben.


Schriftsteller als Namensgeber für Türme.




Wilhelm Raabe fand dafür ja gleich zweimal Verwendung als Inspirator und Namensgeber. Einmal am Hils und einmal im Harz.

Auch der Name Hermann Löns wurde von seinen Verehrern an einen Turm gebunden.
Turmbesuche lohnen immer.
Der Lönsturm am Thüster Berg. ML 2019.
Hermann Löns selbst hat damals die Anhöhe Kannstein im Thüster Berg sehr gerne bewandert.
Schlechtwetterschutz - Eingang in den Turm.
Eingang zum Wetterschutz. ML 2019.

Blick zum Ithende.
Blick zum Ith - die Grenze des früheren Tilithi-Gau. ML 2019.
Der Aufstieg bedeutet, sich mit guter Fitness der erheblichen Steigung zu stellen. Dafür bekommt man bei 440 Metern eine einzigartige Aussicht in das Weser-Leine-Bergland – die Turmhöhe ist 27 Meter und der obere Blick erhebt sich damit sogar über die Buchenbestände. 
Deisterblick inklusive.
Blick in Nordrichtung zum Deister. ML 2019.
Den in südwestlicher Richtung ebenfalls so hoch stehenden Wilhelm Raabe Turm kann man nur erahnen.

Die vorbildliche Sanierung wurde durch Spenden und - es ist immer wieder zu betonen - durch das europäische Leader Programm (ländlicher Raum, Profil 2007-2013) finanziert und die Anlage ist auf das Schönste vom Heimat- und Verkehrsverein Salzhemmendorf in Pflege.

AUF GEHT‘S!

Ende.