Donnerstag, 18. Juni 2020

Münzen – das Runde musste ins Eckige - Megatrend Digital.


Seit Erfindung des Münzgeldes vor etwa 2.600 Jahren

wurden zunächst im Mittelmeerraum, letztlich dann über den gesamten Globus hinweg, Milliarden und Abermilliarden Münzen hergestellt — in aller Regel in Form kleiner runder Metallscheiben mit beidseitig eingearbeiteten Text— und Bildelementen. Aus kulturgeschichtlicher Perspektive sind Münzen als historische Originalzeugnisse also gerade deshalb so faszinierend, weil ihre Materialeigenschaften, ihre Präge- und Fundorte sowie ihre Bild— und Textgestaltung so überaus viel darüber verraten, wie Menschen miteinander interagiert, wie sich politische Mächte legitimiert und wie sich ganze Wirtschaftssysteme entwickelt haben: Münzen bieten uns Einblicke in frühere Kulturen, die wir aus literarischen Zeugnissen niemals gewinnen könnten. 1754 wurde mit dem „Kunst und Naturaliencabinett“ (HAUM) eines der ersten öffentlich zugänglichen Museen überhaupt eröffnet. 

Fünf Pfennige von 1862. BS.
Münzgeld zu Raabes Zeit. ML.
Der Sammlungsbestand wird hier typischerweise der Ordnungslogik von eckigen Kabinettschränken unterworfen, die jeder einzelnen Münze einen festen Platz zuweist und sie damit überhaupt erst auffindbar und somit der Forschung zugänglich macht. Die Lagerung im Münzschrank war über die letzten Jahrhunderte hinweg sozusagen der Goldstandard numismatischer Systematisierungstätigkeit. Über die letzten Jahrzehnte hinweg sind publizierte Sammlungskataloge der griechischen, römischen und mittelalterlichen Münzen sowie der Medaillen hinzugekommen. Seit 2018 nun wird die Sammlung sukzessive digitalisiert www.virtuelles-muenzkabinett.de und gewinnt damit eine bedeutende neue Dimension hinzu.

Neue Bezüge dank Schnittstellen

Die Digitalisierung einer numismatischen Sammlung bietet die Möglichkeit, die starre Ordnungslogik aufzulösen und den Sammlungsbestand in einer ganz neuen Qualität nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern auch für die Forschung aufzubereiten: Die Daten, die sich zu den einzelnen Sammlungsobjekten erheben lassen, werden fluide und lassen sich über virtuelle Schnittstellen in Sekundenbruchteilen mit Daten aus anderen Sammlungen weltweit in Beziehung setzen. So werden erstmals in großem Stil statistische Abfragen etwa über den Münzumlauf, über Hortbildungsmuster oder über den Einsatz bestimmter Bildelemente möglich. Gerade über die hochwertigen Bilddateien, die mit jedem Digitalisat verknüpft sind, lassen sich die Objekte jetzt auch mit Verfahren der Künstlichen Intelligenz untersuchen, und perspektivisch werden sich in absehbarer Zeit in großer Zahl 3D-Modelle von Münzen einbinden lassen. Galt die Anforderung „das Runde muss ins Eckige“ im Grunde schon für die Münzkabinette alten Typs, so ist Sammlungstätigkeit heute ohne das Instrumentarium des Digitalen kaum mehr denkbar.
Althistoriker Prof. Dr. Johannes Wienand.
Alte Geschichte, Technische Universität Braunschweig.

Neuer Impuls fürs Sammeln

Die alte Welt mit Katalogen, Fachzeitschriften, Antiquariaten und Auktionen hat ausgedient. Jeder Sammler kann mittlerweile im Internet weltweit selbst auf die Jagd gehen. Es ist so leicht wie noch nie, an Informationen zu kommen, zu größerer Transparenz, etwa bei der Ermittlung aktueller Marktpreise. Auf den ersten Blick gefällt der Trend den traditionellen Händlern natürlich nicht. Sie müssen sich neu erfinden. Wer das nicht schafft, wird die Digitalisierung nicht überleben. Denn tatsächlich wird die Digitalisierung dem Sammeln allgemein einen neuen Impuls geben, schließlich geht es um den Ausdruck von
1867 Herzog Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg.
Raabes Zeit: Herzog Wilhelm, BS.
1 Thaler von 1867. ML
Individualität.
Die Unternehmensgruppe Richard Borek steht seit 1893 im Dienst des Sammlers. Bereits jetzt hat sich das Nutzungsverhalten der Kunden in der digitalen Welt erheblich verändert. Auf die Homepage  www.borek.de greifen die Kunden bereits mehr als 20 Millionen Mal pro Jahr zu. Mittlerweile werden jährlich mehr als 500.000 Bestellungen über E-Commerce abgewickelt. Das ist schon mehr als die Hälfte — Tendenz steigend — und das bei einer doch eher konservativen und älteren Kundschaft. Der Weg des Unternehmens wird weg vom klassischen Handelshaus hin zu einem digitalen Dienstleister führen. Die Möglichkeiten sind nicht absehbar. Dank der Blockchain-Technologie wird es zum Beispiel bald möglich sein, die Echtheit hochwertiger und mobiler Sachwerte auf Anhieb bestimmen zu können. Dazu wird ein hauchdünner, versiegelter Code an den betreffenden Objekten angebracht, der weltweit überprüft werden kann. In Echtzeit wird es für den Sammler möglich sein, zu ermitteln, ob der geforderte Preis angemessen ist oder nicht. Und umgekehrt wird es für Dienstleister möglich sein, Kunden ein gezieltes Angebot für ihre Sammlung zu übermitteln, sofern sie ihre digitale Sammlung zur Verfügung gestellt haben.
Angesichts der schier unendlichen Möglichkeiten treibt die Unternehmen natürlich die Frage um, was Menschen in 10, 20 oder 50 Jahren sammeln und wie sie es tun werden. Denn Jäger und Sammler werden wir auch in der nächsten Generationen bleiben, nur eben in anderer Form.

Richard Borek, der Jüngere.
Briefmarkenfachhandlung Richard Borek GmbH & Co. KG,
MDM Münzhandelsgesellschaft mbH & Co. KG Deutsche Münze,
Archiv Verlag.

Kurzausriss aus: Vier Viertel Kult, SBK.
Herbst 2019.

Ende.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Hand und Hirn


Zählen Sie zu den Menschen, die einen Füller zwischen drei Fingerspitzen halten und einen lesbaren und ästhetisch ansprechenden Text schreiben können?

Glückwunsch, Sie beherrschen eine Kulturtechnik, die vermutlich bald so elitär sein wird wie das Reiten im Damensattel. Die Industrialisierung hat mit Eisenbahnen und Automobilen das Reisen auf Pferderücken zu antiquarischen Kuriositäten gemacht; die Digitalisierung stellt mit ihren Smartphones, Tablets und Sprachassistenten dasselbe mit der Handschrift an. Längst führt sie Rückzugsgefechte auf Notizzetteln‚ in Kondolenzbriefen — und in der Schule. Dort trifft es die verbundene Schreibschrift besonders hart. Viele Kinder hierzulande beherrschen nur noch die an Druckbuchstaben orientierte Grundschrift. Wozu Schnörkel, wenn alle tippen oder Siri diktieren? Die Stiftung Handschrift, die sich der Rettung der Schreibschrift verschrieben hat, stellte kürzlich alarmierende Zahlen vor: 51 Prozent der Jungen und 31 Prozent der Mädchen in weiterführenden Schulen haben Probleme mit der Handschrift. In der Sekundarstufe I kann nur die Hälfte flüssig Schreibschrift schreiben, die andere fällt in die gedruckte Handschrift zurück. Zwei Drittel der Schüler bekommen nach zehn bis 15 Minuten einen Schreibkrampf. 
Kurrentschrift von Wilhelm Busch
"Schein und Sein"
Warum das ein Jammer ist? Weil Schreibschrift kein überflüssiger Dekor ist, sondern eine ganzheitliche Übung, die beim Denken hilft.

Wer Buchstaben erschafft, statt sie auf einer Tastatur auszuwählen, wer sie motorisch zu Worten verbindet, aktiviert mehr Hirnregionen und vergisst das Notierte weniger leicht. Die Langsamkeit des Vorgangs unterstützt die Gedankenfindung und fordert Konzentration.
Übrigens nicht nur bei Kindern.

Ursula Scheer.
Ausriss aus F.A.Woche
2019 Mai.
Ende.

Donnerstag, 21. Mai 2020

Namensgeber ganz oben.


Schriftsteller als Namensgeber für Türme.




Wilhelm Raabe fand dafür ja gleich zweimal Verwendung als Inspirator und Namensgeber. Einmal am Hils und einmal im Harz.

Auch der Name Hermann Löns wurde von seinen Verehrern an einen Turm gebunden.
Turmbesuche lohnen immer.
Der Lönsturm am Thüster Berg. ML 2019.
Hermann Löns selbst hat damals die Anhöhe Kannstein im Thüster Berg sehr gerne bewandert.
Schlechtwetterschutz - Eingang in den Turm.
Eingang zum Wetterschutz. ML 2019.

Blick zum Ithende.
Blick zum Ith - die Grenze des früheren Tilithi-Gau. ML 2019.
Der Aufstieg bedeutet, sich mit guter Fitness der erheblichen Steigung zu stellen. Dafür bekommt man bei 440 Metern eine einzigartige Aussicht in das Weser-Leine-Bergland – die Turmhöhe ist 27 Meter und der obere Blick erhebt sich damit sogar über die Buchenbestände. 
Deisterblick inklusive.
Blick in Nordrichtung zum Deister. ML 2019.
Den in südwestlicher Richtung ebenfalls so hoch stehenden Wilhelm Raabe Turm kann man nur erahnen.

Die vorbildliche Sanierung wurde durch Spenden und - es ist immer wieder zu betonen - durch das europäische Leader Programm (ländlicher Raum, Profil 2007-2013) finanziert und die Anlage ist auf das Schönste vom Heimat- und Verkehrsverein Salzhemmendorf in Pflege.

AUF GEHT‘S!

Ende.

Donnerstag, 14. Mai 2020

Wilhelm Raabe Schulen

Ist es Raabe wert, Namensgeber zu sein?

Bei Schulen liegt es nahe, den Namensgeber der Schule auf seine Vorbildfunktion für Schüler zu hinterfragen. Zumal der Namensgeber Raabe nicht mehr so geläufig ist und der, wenn man genau nachschaut, weder sein Abitur, noch das Studium abgeschlossen hat. Aber wie so oft, gibt es dafür Erklärungen in der Person und in deren Umfeld, die letztlich doch nicht hinderlich waren, ein kulturell wertvolles Lebenswerk zu hinterlassen. 
Und umgekehrt wird auch ein Schuh draus, denn Vorbildcharaktere anhand gebrochener Biografien heraus zu erarbeiten, ist gerade bei Raabe seinen Werken lohnenswert.

Eine Fotostrecke von knapp 10 bekannten Raabeschulen:

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Bremerhaven. Foto: Mueck auf Wikipedia












https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm-Raabe-Schule_(Bremerhaven)
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Eschershausen






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Braunschweig
 

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Braunschweig


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Hameln
  







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Hameln


 


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Lüneburg. Foto Rainer Knäpper. Wiki
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Sehne/Ilten

 

https://wordpress.nibis.de/gsilten/

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Wolfenbüttel

 

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Eingangsportal rechts.
Hannover - ein wuchtiges Eingangsportal.


Besonders hübsch und aufwendig gemacht.
Ein sehr freundlich
gestalteter Eingang.
Hier kommt viel Licht in die Klassen.
Seitenfassade mit hellen Fenstern.

Bienenfleißig sein.
Weizen - Früchte des Feldes
Weizen und Blumenornament.

Turmwohnung für den Pedell?
Wer auf sich hält, hat einen Turm.



http://www.wrs-hannover.de/
    
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Siehe weitere Bilder auf Wikimedia:
https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Schools_named_after_Wilhelm_Raabe?uselang=de
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Alle Fotos ML 2020, 
außer, wenn Fotograf genannt.

Ende.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Sprache, Begriffe, Grenzen – Worte und Symbole für Wahrheit


Thomas Fischer, Richter am Bundesgerichtshof, hat die Zusammenhänge unseres Redens – hier im Rahmen des Strafrechts – luzide aufgegriffen:

Sprache besteht aus Symbolen. Die Zusammenhänge der Sprache sind keine bloße quantitative Anhäufung von Wörterzeichen. Wenn es so einfach wäre, könnten Computer schon heute besser sprechen (also denken) als Menschen. Das eigentlich Interessante und Faszinierende sind die qualitativen Aspekte der Sprache.
Bildlich ausgedrückt: Sprache ist keine Fläche, sondern eine vieldimensionale Form, die sehr direkt mit allen Funktionen des Gehirns verbunden ist und sie symbolisch widerspiegelt. Sie ist mit kognitiven, also „schlicht“ erkennenden Funktionen verbunden, zugleich mit Gefühlen, Wertungen, Vergleichen, Erinnerungen. Und sie ist ja vor allem immer grundsätzlich interaktiv, das heißt vereinfacht: Wo Sprache, in welcher Form auch immer, als „Output“ in die Welt geht, kommt sie auch als „Input“ wieder herein und trägt dabei alle fremden Symbolgehalte mit sich.

Daraus ergeben sich Folgerungen, die für unser Thema Strafrecht wichtig sind:
  • Zum Ersten, dass Sprache in hohem Maß mit Intelligenz zusammenhängt, also mit Abstraktionsvermögen einerseits, Erinnerungs-, Gefühls- und Assoziationsvermögen andererseits. Sie ist insoweit eng mit Empathie verknüpft.
  • Daraus folgt zum Zweiten, dass Sprache stets ein hohes Maß an Individualität hat und behält. Um als das überragend wichtige System der Verständigung und Zusammenarbeit zu funktionieren, das sie in der menschlichen Natur ist, muss sie ununterbrochen im kommunikativen Austausch „geübt“, angepasst, verglichen werden.
    „Was meinst du damit?“, ist eine scheinbar banale, tausendfach gestellte, in Wahrheit existenziell wichtige Frage. Sie stellt sich permanent, auch wenn sie nicht ausdrücklich formuliert wird. Das fremde „Meinen“ und Bedeuten, der fremde Sinn, sind für unsere Orientierung in der Welt von höchster Wichtigkeit. Wem eine gemeinsame Sprache abhandenkommt, wer den Sinn der Wörter nicht mehr versteht oder die der Mehrheit gemeinsame Logik der Sprachbedeutungen verlässt, den empfinden wir als „verrückt“‚ außenstehend, furchterregend. Vor „Wahnsinnigen“, aus der gemeinsamen Kommunikation herausgetretenen Menschen hat jeder Angst, denn man kann an ihren Zeichen nicht zuverlässig erkennen, was sie denken, planen, beabsichtigen. Beeindruckende Beispiele hierfür bieten etwa Texte von Schizophrenen.
  • Zum Dritten ergibt sich, dass der Inhalt der Sprache sich nicht allein deshalb ständig verändert, weil die Sachverhalte, die sie beschreiben soll, anders werden, sondern auch weil die Begriffe selbst „fließend“ sind. Sie werden in einem steten Prozess ausgehandelt, verschieben sich, verlieren alte oder gewinnen neue Bedeutungen. Das kann sich‚ bezogen auf individuelles Erleben, sehr langsam oder sehr schnell vollziehen. Das gilt selbst für scheinbar ganz feststehende, eindeutige Begriffe.
Beispiel:
1990, bei der deutschen Wiedervereinigung, war in den westlichen Bundesländern das Wort »Mutti« als Bezeichnung für eine Mutter zwar noch geläufig; es war aber im Lauf der Siebziger— und Achtzigerjahre von einer allgemein gebräuchlichen Bezeichnung zu einem Begriff geworden, der infolge von sozialen Konnotationen als unmodern, spießig und rückständig galt — quasi als Inbegriff eines kleinbürgerlich-engen Familienbildes der unmodernen Vergangenheit. In den neuen Bundesländern hatte das Wort eine solche Bedeutung aber nicht; es war (und ist bis heute) dort allgemein geläufig. Das Wort bezeichnete scheinbar dasselbe, transportierte aber — mit erheblichen Folgen für die kommunikative Wirkung — eine völlig unterschiedliche assoziative Botschaft. Die sprachliche Überwältigung des „unmodernen“ Ostens durch den „modernen“ Westen traf daher, weit über abstrahierende soziale Sachverhalte („Genosse“, „Kollege“‚ „Investor“‚ „Wohnbereich“, „Kollektiv“) hinaus tief in die Bedingungen von subjektiver Identität – wie auch immer „rückständig“. Es ist ein Phänomen der Moderne, dass die jeweiligen Sieger der Sinndefinition ein tief und meist sentimental empfundenes Mitleid mit Vertretern vernichteter Kulturen der fernen Vergangenheit durchaus als moralisch und emotional angenehm schätzen, aber Verachtung für Symbole derjenigen Kultur empfinden, die sie selbst soeben vernichten.
Das Zusammentreffen ost- und westdeutscher Sprache offenbarte — trotz der nur 40 Jahre dauernden Trennung und des immerhin (wenn auch nur einseitig) vorhandenen Austausches mittels Fernsehen — eine Vielzahl solcher Verschiebungen, die teilweise bis heute andauern. Dasselbe geschieht, im Alltag meist unmerklich, auch innerhalb eines Sprachraums: Was man heute unter Begriffen wie „Sport“, „Kultur“, „Arbeit“, „Familie“ versteht, ist keineswegs dasselbe wie vor 50 Jahren. Beispielhaft: Was heute als (kriminelle) „Gewalt gegen Kinder“ beschrieben wird, ging 1960 problemlos als „konsequente Erziehung“ durch.
Die Texte eines Gesetzes „verändern“ sich in ihren Bedeutungen und Sinnzusammenhängen also selbst dann, wenn sie im Wortlaut unverändert bleiben. Je älter Gesetzestexte sind, desto mehr Bedeutungsunschärfen können sich ansammeln. Für das Strafgesetz (wie für jedes andere Gesetz) hat all das erhebliche Folgen: So muss der Gesetzgeber versuchen, bei der Formulierung von Vorschriften so genau zu sein, dass möglichst wenige Zweifel am Inhalt und an der Bedeutung der verwendeten Begriffe bleiben.

Thomas Fischer
Textauszug aus "Über das Strafen"
Droemer Verlag

Ende

Donnerstag, 23. April 2020

Kunst, Kultur, Korona-Krise

Wenn überhaupt eine Branche, ein Milieu sich als widerstandsfähig erwiesen hat, dann ist das in Deutschland die Kultur!


Unsere Kulturlandschaft ist einzigartig!
Kein anderes Land der Welt hat auf seine Bevölkerung bezogen so viele Orchester, Opernhäuser, Theater, Museen und Bibliotheken. Das alles stammt aus der Zeit, als Deutschland noch in Kleinstaaten zersplittert war. Dass diese Vielfalt über zwei Weltkriege hinweg gerettet wurde, ist nicht der Politik, sondern den Bürgerinnen und Bürgern zu verdanken, für die Kultur ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Lebens ist. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir die Vielfalt und Qualität unserer Kulturlandschaft auch über diese Situation hinweg erhalten können.

Das 20igste Jahrhundert ist das für die deutsche Geschichte entscheidende Jahrhundert. Die Verwerfungen und Brüche haben sich darin wie unter einem Brennglas abgespielt. Die Künste sind Chronisten dieses Geschehens.

Der Buchstabe K - hier in Kanzleischrift.
Das K – hier in Kanzleischrift – ist der elfte Buchstabe im Alphabet,
ist ein harter Verschlusslaut, entspricht dem griechischen Kappa;
im Lateinischen dafür c (Ausnahme u. a.: Kalendae);
chemisches Zeichen für das Element Kalium.

Wie viel ist uns die Kultur wert? Das ist eine Frage für die ganze Gesellschaft – und vielleicht eher in schwierigen als in satten Zeiten, dann, wenn die Kultur konkurriert mit elementaren Bedürfnissen: Gesundheit, Unterkunft, Heizung, Nahrung. 


Ist auch die Kultur ein elementares Bedürfnis? Das ist eine spannende philosophische Betrachtung. Ich persönlich beantworte diese Frage eindeutig mit „Ja“.



Staatsministerin Monika Grütters.
Im Interview mit Jörg Häntzschel.
Ausriss aus Süddeutsche Zeitung.
Nr. 83 vom 8. April 2020.


Ende.

Montag, 20. April 2020

Kleidersellerbesuch im Museum

Ingo Beck, Mitglied des historischen Kreises der „Kleiderseller" und Frau Heidrun Ehninger zu Gast im Raabe Museum.


1859 lud der Historiker Dr. Carl Schiller eine Gruppe engagierter Braunschweiger Bürger in die Gaststätte zum „Gieseler“ ein. Der Grund: In Braunschweig sollte ein geschichtliches Museum entstehen. Deshalb rief Schiller einen Sammlerverein ins Leben, um im gesamten Herzogtum möglichst viele historische Gegenstände zusammenzutragen. 
In jener Zeit hießen die Altwarenhändler allgemein „Kleiderseller“. Um sich von diesen – damals etwas anrüchigen – Berufszweig abzuheben, nannte sich die honorige Bürgerrunde nun „Ehrliche Kleiderseller“. 
Das Museum wurde am 1. Mai 1865 in Neustadtrathaus eröffnet und zog später als das Städtische Museum in das Gebäude am Löwenwall um. 
Ja, was hat nun Raabe mit den Kleidersellern zu tun?
Raabe der 1870 zu dieser Runde gestoßen war blieb vier Jahrzehnte ein Mittelpunkt der Kleiderseller, die sich regelmäßig im „Grünen Jäger“ und später im „Großen Weghaus“ in Stöckheim trafen.

Bemerkenswert ist, dass die Kleidersellertradition nach Raabes Tod 1910 sogar über die beiden Weltkriege hinweg nie ganz abriss. Von den 20er- bis in die 40er Jahre bewahrten der Historiker Prof. Dr. Ernst-August Roloff und der Schriftsteller Robert Jordan die Kleiderseller vor dem Vergessen. Heute halten Ingo Beck und Kurt  Hoffmann die Runde zusammen. 
Da dieser Stammtisch immer noch besteht, dürfte er einer der ältesten in Deutschland sein. 
Kleiderspende mit einem echten Kleiderseller.
Ingo Beck, Ingrid Reuther, Heidrun Ehninger.

Begleitet wurde Raabefreund Ingo Beck von Heidrun Ehninger, die dem Raabe Museum Kleidungsstücke aus dem Nachlass von Wilhelm Raabe übergab.


Von Ingrid Reuther.
April 2020.

Ende.


Donnerstag, 9. April 2020

Bücher lesen - eine gute Idee?

Lesen ist immer eine gute Idee, nicht nur in Zeiten der Isolation.

Auch wenn im Vergleich zu früheren Jahren nicht mehr so viele Menschen lesen und heute eben durch anderes abgelenkt sind, Lesen macht kreativer, hilft gegen Einsamkeit und ermöglicht eine günstigere Lebenserwartungshaltung.

Und bei den Buchhändlern?
Der Umsatz der Buchbranche liegt bei 9 Milliarden Euro per anno. Dabei sind die Löwenanteile: schöngeistige, nicht wissenschaftliche Literatur mit rund 30 %, Kinder und Jugendbücher mit 15 %, Ratgeber mit 10 %.
Hauptverdiener und außerordentlicher Ausreißer unter den Schriftstellern 2019 war Joanne K. Rowling mit 92 Millionen Dollar. 

Der Leser aber – was zu beweisen ist – gewinnt immer durch nicht geldliche Dinge. Worte entfachen eine Kraft, dringen durch Augen und Ohren, arbeiten sich vor zur Seele – dort ist der eigentliche Nutzen.
Wer lesen kann, ist klar im Vorteil - mit Eule.
Einstieg ins Lesen mit den Grundlagen! ML 2020.
Ende.


Sonntag, 29. März 2020

Zensur 2020 Corona

Freiheitsrechte

Das Ordnungsamt Leipzig hat am Montag verfügt, dass die Bahnhofsbuchhandlung Ludwig schließen musste. Mehr als siebentausend Titel an nationalen und internationalen Zeitungen und Zeitschriften konnten in der Buchhandlung, welche die größte ihrer Art in Deutschland sein dürfte, nicht mehr verkauft werden. Sie wurde geschlossen, ob wohl der Verkauf von Zeitungen und Zeitschriften auch in der Corona-Krise weiterhin erlaubt ist. Vierundzwanzig Stunden später zog das Ordnungsamt das Verbot teilweise zurück. Nun dürfen Pressetitel verkauft werden, Bücher aber nicht. So hat das Leipziger Ordnungsamt gerade noch einmal halbwegs die Kurve gekriegt. 
Für vierundzwanzig Stunden aber hatte es die Pressefreiheit nach Artikel 5 Grundgesetz ausgesetzt. 
Denn zu dieser zählt auch, dass man Presseerzeugnisse kaufen kann. Aus gutem Grund: Die „Grundversorgung“ mit unabhängiger Information ist für die Demokratie konstitutiv. Sie wird nicht nur auf elektronischen und digitalen Wegen geleistet und nicht nur vom öffentlich—rechtlichen Rundfunk. Sie entsteht aus der Vielfalt der Darstellungsweisen und Meinungen, und diese wiederum fußt auf der Gesamtheit der Medien in diesem Land. Die zeitweilige Schließung der Buchhandlung Ludwig ist ein fatales Signal. Sie wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die sich gerade in rasender Geschwindigkeit in vielen Lebensbereichen vollzieht und für die Politik neben der alles überformenden Gesundheitsvorsorge eine vorrangige Aufgabe darstellt: Freiheitsrechte werden ohne großes Federlesen suspendiert. 

Zahllose Existenzen, die darauf gründen, Leistungen den Menschen im freien Wettbewerb und selbständig anzubieten, auch solche, die man heute „systemkritisch“ nennt, kommen unter die Räder. Wer sich außerhalb gesicherter Pfade bewegt und nicht vom Staat und nicht von öffentlichem Geld bezahlt wird, ist draußen. Es droht eine „Bereinigung“ fundamentalen Ausmaßes, die nicht nur „Märkte“ betrifft, sondern die Koordinaten der freiheitlichen Grundordnung unserer Gesellschaft. Gestärkt werden transnationale Megakonzerne, die noch nie ausreichend Steuern bezahlt haben und erst in Ansätzen den Anforderungen genügen, die in unserem Rechtsstaat alle anderen zu erfüllen haben. Gestärkt werden aber auch all jene, die ihr Geld nicht selbst verdienen müssen. Die Politik steht vor der großen Aufgabe der Umverteilung. Sie muss die von der Corona—Pandemie ausgelösten Einschränkungen der Lebenschancen vieler Menschen erkennen und ihnen entgegentreten. Bessergestellte auf dem Sonnendeck mögen das Homeoffice für willkommene Abwechslung halten, für viele Menschen geht es um die nackte Existenz. Es wird nicht nur nichts mehr sein, wie es war, es hat sich schon alles verändert. … -

Kommentar von Michael Hanfeld.
Ausriss aus der F.A.Z. vom 25. März 2020.

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„Vielleicht denken wir, wenn alles vorbei ist, auch anders über die Umwelt und die Klimakrise. Die wollen wir ja auch nicht wirklich wahrhaben. So wie anfangs Corona.“
Sabrina Ambrogetti. Bernareggio.
Die Zeit 19. März 2020.
Ende.

Freitag, 27. März 2020

Nur Originales ist Wahres!

Rund 190 Jahre jung - Neuzugänge im Raabe Geburtshaus.


Aus Anlass einer großzügigen Leihgabe besuchten Heidrun Ehninger und Ingo Beck (Angehöriger des historischen Kreises der Kleiderseller) das Raabe Museum. Die Familie Friedrich Ehninger vertreten durch Heidrun Ehninger übergab folgende Kleidungsstücke aus dem Nachlass von Wilhelm Raabe als Dauerleihgabe dem Museum:

  • zwei Samtwesten von Gustav Raabe, Wilhelm Raabes Vater, 
  • das Taufhäubchen von Wilhelm Raabe, 
  • drei Kindermützchen von Wilhelm Raabe und 
  • das Brautgeschenk von Auguste Jeep an ihren Verlobten Gustav Raabe. 

Sie tun dies in dem Wissen, dass diese Objekte im Museum Raabe-Haus in bester Obhut sind.

Museumsleiterin Ingrid Reuther zeigte sich sehr erfreut über diese musealen Neuzugänge aus den Händen der Familie Ehninger, bedeutet es doch, diese Gegenstände zeigen zu dürfen eine wirkliche Bereicherung und macht so das Museum ein Stück attraktiver.


Ende.

Freitag, 20. März 2020

Kleinod: die Raabebühne.

35 Jahre Raabebühne.

2020 feiert die Eschershäuser Raabebühne ihr 35-jähriges Gründungsjubiläum. Anlass genug, diesen langen Zeitraum bürgerschaftlichen Engagement zur Bereicherung der Kulturlandschaft weit über die Grenzen der Stadt Eschershausen hinaus zu würdigen.

Alles begann 1984 – die Initiative, eine Theatergruppe zu gründen, ging von Ingrid Reuther aus. An interessierten Mitspielerinnen und Mitspielern mangelte es nicht, mit viel Ehrgeiz und Idealismus ging die Gruppe an die Realisierung ihres ersten Theaterprojekts heran. Die erste Aufführung des Stückes „Die fröhlichen Geister“ im Jahr 1986 war ein Riesenerfolg, mit dem trotz harter Arbeit im Vorfeld niemand so rechnen mochte. Über viele Jahre konnte die damalige Laiengruppe des MTSV Eschershausen mit einem Repertoire von Bauernschwänken, Volksstücken, Krimis, Boulevardkomödien und auch durchaus anspruchsvollen Musicals schöne Erfolge verbuchen. Einige Zeit nach der Herauslösung der Gruppe aus dem Verbund des MTSV folgten die ersten Inszenierungen aus den Werken von Wilhelm Raabe und die Umbenennung der Gruppe in „Raabebühne Eschershausen“.

Die „Wackerhahnsche“ bildete mit einer sehr erfolgreichen Adaption als Bühnenstück und ihrer Inszenierung im Sommer 2005 den Auftakt, es folgten anlässlich des 175. Geburtstags Wilhelm Raabes „Die Gänse von Bützow“ 2006, sowie „Abu Telfan“ im Frühjahr 2008, die den Ruf der Raabebühne als kulturell ernst zu nehmende Gruppe festigte.
35 Jahre Raabebühne Gruppenbild
Klein, aber langlebig.
Nicht zu vergessen die alljährlich traditionellen und liebevoll inszenierten Märchen zu Weihnachten, mit denen die Raabebühne weit über die Grenzen Eschershausen hinweg ein Markenzeichen gesetzt hatte. 35 Jahre Amateurtheater in Eschershausen, das bedeutet auch 35 Jahre ein Publikum, das den Laienspielern die Treue hält.

=> Die Proben zur Jubiläumsaufführung „Honig im Kopf“ gehen jetzt in die heiße Phase. Kartenverkauf zur Aufführung ist bei Kurt Seitz, Telefon 05534 2676.

Textausriss und Bild aus dem Täglichen Anzeiger Holzminden.
Ende.