Werk

Trotz der alten Ausdrucksform sind Raabes Werke nach wie vor aktuell!
   Über siebzig Romane, Erzählungen und Novellen von Wilhelm Raabe sind veröffentlicht worden. Darin sind überwiegend Frauen, insbesondere Mütter, alte Frauen, allerdings auch alte, häufig invalide Männer und Kinder die Heldinnen/Helden, also vielfach Personen, die am Rande der Existenz stehen und unbeachtet sind. Außenseiter der Gesellschaft steigen in seinen Büchern zu wahren Heldentum auf. Vorbehalte, sicherlich auch auf Grund seines eigenen Lebenslaufes, gegen die herkömmliche Schulbildung und das so genannte Bildungsbürgertum, von ihm häufig Philister genannt, sind deutlich erkennbar.
   Der Lebenskampf war das Hauptthema in seinen Werken, die er häufig in schonungsloser Offenheit verfasste (Krieg, soziale Frage). Unbequem war Raabe auch in politischer Hinsicht (Kleinstaaterei, Polizeistaat). Mit Themen, die wir heute mit dem Begriff "Ökologie" belegen, beobachtete er die Folgen der Landflucht, geschichtsvergessene Stadtentwicklung, umwelt- zerstörenden Bauboom und die immer intensiver betriebene Land- und Forstwirtschaft. Er registrierte die negativen Folgen der industriellen Revolution und des langsam aufkommenden Massentourismus.

Theodor Kappstein (1870-1960) charakterisiert: "Der Zugang zum Schrifttum Raabes setzt Liebe und Geduld voraus. Für Raabe wie für die Mohammedaner ist die Eil vom Teufel. Er pflegt seinen sehr besonderen Schnörkelstil, der bei Jean Paul noch wildere Wucherungen treibt. Er will in seine Handlung häufig hineinreden, um sich mit dem Leser über Gott und die Welt behaglich-kritisch zu beplaudern - das gefährdet oft die Klarheit der ohnehin selten straffen Linienführung. Wen der originelle Geist jedoch erfasst hat, den lässt er nicht wieder los... Die ihn wirklich kennen, die lieben ihn treu. Man fährt also bei ihm niemals Auto, in welchem jeder denkt: Warum geht es nicht schneller?! Nein, man sitzt behaglich beieinander, oder man wandert mit dem Romantiker-Rationalisten über Feld und durch den Wald, am schilfumsäumten Wasser versonnen vorüber. Wer es mit Raabe wagt, atmet befreit in der Luft: Goethe - Dickens - Raabe ..."

Sein jüngerer Schriftstellerkollege und Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse, der Raabe 1909 besucht hat, sagte von ihm:
"Die Literatur spricht von ihm mit Achtung, sie kennt ihn, sie hat Notiz von ihm genommen, aber das einmalige und innigste seiner Dichtung, das eigentliche Wunder seiner Person und seines Wortes ist immer noch nicht eigentlich erkannt und als ewiger Wert anerkannt ... man wird vielleicht in einem späteren Deutschland, ihn doch erkennen; er hat die Anwartschaft darauf, denn er hat jenes die Kritik verwirrende Plus, jene Dimension zuviel, die so schwer einzureihen ist und die sich mit der Zeit doch meistens durchsetzt."

Und kein geringerer als Konrad Adenauer sagte von ihm:
”Wilhelm Raabe ist zwar der Schilderer des deutschen Volkes vor 1870, aber er hat auch unserer Zeit etwas zu sagen, weil sein dichterisches Erleben von tiefster Menschlichkeit erfüllt und daher zeitlos ist. Gerade der moderne Mensch, der den politischen und sozialen Zusammenbruch, die seelischen Nöte unserer Tage miterlebt hat, wird aus dem Beispiel der von Raabe geformten Menschen Trost und Kraft schöpfen, wird den Glauben an den endlichen Sieg des Guten und Edlen wiedergewinnen können. Darum bleibt Raabes Vermächtnis unverlierbares deutsches Volksgut.”

Seine Werke, deren Bedeutung zu seinen Lebzeiten nur von einem kleinen Publikum anerkannt wurde, sind heute immer noch von erstaunlicher Aktualität: Raabes Werk Abu Telfan wird in der Auswahl von "Die Zeit" und "Süddeutsche Zeitung" auch 2018 zu den 100 wichtigsten Werken der Weltliteratur gezählt.

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